Freie Platzwahl

Heute ist Wahltag. Die damit verbundene Freiheit sollten wir uns nicht nehmen lassen.

Ich hasse den Spruch „Früher war alles besser.” Und ich hasse die Haltung, die in diesen Worten ihren Ausdruck sucht.
Damit hat es sich aber auch schon mit Hassgefühlen. Zugegeben, manche Wahlkämpfer machen es einem nicht leicht, sie zu mögen. Und bei Aussagen und Haltungen wird es noch viel ärger. Aber außer Sympathien und sachlichen Übereinstimmungen haben wir etwas viel Wertvolleres: Aktive Mitarbeit und Beteiligung an wichtigen Diskussionen.

Engagement in vielerlei Form geht auch aus der Opposition. Das allen zum Trost, deren Wahlstimmen den Adressaten nicht zur Regierungsbeteiligung verholfen haben. Das Wichtigste ist, dass die Grundordnung erhalten bleibt, die eine Opposition nicht nur vorsieht, sondern ihr auch eine gewichtige Rolle einräumt. Demokratie bedeutet eben nicht, dass sich am Ende eine Position durchsetzt, sondern dass ein Kompromiss gefunden wird. Gerade bei heiklen Fragen, die bei manchen Bürgern Ängste oder sogar begründete Befürchtungen hervorrufen.

Ich weiß nicht, ob ich heute Morgen einige Autofahrer erschreckt habe. Mit einem eingepackten Klavierhocker stolzierte ich über den hintersten Abschnitt der Sonnenallee. Eine Bombe sieht anders aus – hoffe ich. Aber die drei verhüllten Standfüße mögen dem Sitzmöbel einen martialischen Anschein gegeben haben.
Dabei war ich in friedlicher Mission unterwegs. Harmloser geht es gar nicht. Man hatte mich als Aushilfs-Kirchenmusiker nach St. Richard bestellt. Mithin in eine kleine katholische Kirche im Herzen von Rixdorf. Aus diesem alten Stadtteil Berlins ist das bekanntere Neukölln hervorgegangen.

In der Kirche St. Richard gibt es eine schöne mechanische Pfeifenorgel, ein elektrisches Klavier für Gottesdienste wie heute zum Erntedank mit Kindern und – einen Klavierhocker. Der ist allerdings nicht für Leute meiner Baugröße gemacht. Er klappt zusammen, wenn man ihn auf meine Sitzhöhe schraubt. Also brachte ich mein eigenes Möbel mit. Und mit dem hat es eine besondere Bewandtnis, was Freiheit, Glaube und politische Haltung angeht.

Der Klavierhocker gehörte meinem Opa Robert. Der war Organist in St. Nikolaus im sauerländischen Grevenbrück. Außerdem Chorsänger, Metzgermeister und ein streitbarer Geist, wenn es um Grundsätzliches ging. So wies er einem politischen Funktionär einmal klare Kante zeigend die Tür, als der sich über das Kruzifix im Büro beschwerte. Und das zu einer Zeit, in der politische Funktionäre gefährliche Menschen waren.
Den Klavierhocker kaufte mein Opa mutmaßlich in den 50er Jahren. Das dazugehörige Klavier mussten wir vor einiger Zeit verkaufen. Ehrlich gesagt, als Instrument war es kein würdiges Erbstück. Aber den Klavierhocker hüte ich als einen Schatz, obwohl zwischen mir und meinem Großvater kein allzu inniges Verhältnis bestand. Er konnte nur mit wenigen Kindern etwas anfangen und ich gehörte nicht zu diesen Auserwählten.

Was ich an meinem Opa aber unabhängig von seiner Haltung mir gegenüber uneingeschränkt bewunderte, war die Haltung, mit der er musizierte. Wenn er spielte, versank er ganz in der Musik. Ich sehe (und höre) ihn noch vor mir. Andere Züge, die ihn als Mensch auszeichneten, lernte ich erst viele Jahre später verstehen und teilweise auch zu würdigen.
So war er ein sehr bodenständiger Mensch, Ansammlungen von lauter Unbekannten eher meidend. Wenigstens das Zweitere trifft auch auf mich zu, wobei ich nicht beurteilen will, ob das immer etwas Gutes ist. Was ich definitiv nicht von ihm geerbt habe, ist meine Reiselust, die unbändige Freude an neuen Orten und Stimmungen. Für mich ist und bleibt Berlin deswegen the place to be, meine Traumstadt. Eine Stadt mit vielen Welten – wo gibt es das sonst?

Als ich den Klavierhocker meines Großvaters über die Sonnenallee trug, hielten mich einige Gedanken bei Laune. (Denn verflixt, das Ding ist schwer. 😉 )
Zum einen: Was hätte Opa Robert zu der „Prophezeiung“ gesagt, dass sein Klavierhocker einmal über die Berliner Sonnenallee in eine katholische Kirche getragen würde? Ich glaube, er hätte nur den Kopf geschüttelt.
Zum anderen: Was hätte der sicher konservative Metzgermeister, dabei aber immer mit-menschlich Denkende zu denen gesagt, die in diesen Monaten vor der Wahl zu Hass und allgemeiner Aburteilung von Menschen aufrufen? Antwort: siehe oben. Die Haltung des gekreuzigten Jesus ist eindeutig.
Und dann noch: Hätte mein Opa sich in der Gemeinde von St. Richard so zu Hause gefühlt wie ich, der ich mich ja schließlich auch zu einer anderen Gemeinde zähle. Die Antwort ist klar Ja. Dafür sind wir Katholiken, das bedeutet: Mitglieder der universalen Kirche.

Als ich mein Ziel erreicht hatte, stellte ich den noch in Regenschutz gehüllten Klavierhocker aus einer anderen Zeit und einer anderen Gegend kurz ab. Auf Rixdorfer Boden, mit Blick auf St. Richard. Klavierhocker haben keine Augen und ich glaube, dass sich Heimgegangene wie mein Opa nicht auf diese Froschperspektive einlassen müssen. Aber für mich wollte ich in diesem Bild etwas festhalten: Wer die Wahl hat, hat etwas zu verlieren. Und unendlich viel zu gewinnen, wenn die Wahl frei bleibt.

In einer knappen halben Stunde schließen die Wahllokale. Hoffentlich habt Ihr mit dafür gesorgt, dass unsere Wahlfreiheit bestehen bleibt.

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