Gesellschaftsspiele àla „Mensch ärger dich nicht“ oder Brett-Disziplinen wie Schach haben sich in unserer Familie nie allzu großer und anhaltender Beliebtheit erfreut. Aber mein Wochenend-Spiel fand regelmäßig am Samstagabend und noch einmal am Sonntagmorgen statt.
Über mehr als acht Jahre waren meine Wochenenden spielerisch geprägt. Dafür verließ ich jeweils freitags meine Wahlheimat und erreichte nach knapp zwei Stunden Bahnfahrt den kleinen Ort, in dem meine Eltern bis heute leben. Die Orgel in der örtlichen Pfarrkirche, von mir liebevoll „Die Kleine“ genannt, weil ich weitaus größere Kircheninstrumente wenigstens vom Hören her kannte, streckte mir ihre Tasten wie zum Handschlag entgegen. Pünktlich zum Glockenschlag griff ich herzlich zu.
Zu meinem Leidwesen sind diese Zeiten vorbei. In meinem jetzigen Lebensumfeld werden keine Organisten gesucht, es gibt eher zu viele für die wenigen Gemeinden, die aus den kirchlichen Verschmelzungsprozessen hervorgegangen sind. Auch kann man mein damaliges sonntägliches Orgelspiel beim besten Willen nicht als körperliche Verausgabung bezeichnen, wie sie bei kindlichem Toben und sportlichen Wettkämpfen üblich ist.
Zum primalen Lebensstil, wie ihn Mark Sisson in seinem 21-Tage-Kurs vermitteln möchte, gehört aber genau diese selbstvergessene ganzheitliche Bewegungsfreude. Kalifornien, du hast es besser! Heiter einander nachjagen, unvermittelt Luftsprünge anzetteln, jauchzend über den Boden rollen – an der Pazifik-Küste würde mir das auch Spaß machen. Aber in oberbayerischer, leicht mit Schnee überzuckerter Ackerlandschaft? Bei Minus 7 Grad Celsius? Allein? Denn mein Familienanhang möchte sich nicht auf gefrorenen Feldern verausgaben. Die Leute gucken doch!
Und die würden nicht bloß gucken. Vor einigen Wochen, bevor ich Mark Sissons Transformations-Programm in Angriff nahm und als die Landschaft noch golden herbstlich gefärbt war, unternahm ich meine gewohnte gut halbstündige ruhige Lauf-Tour. Unterwegs kam mir eine junge Familie entgegen, zwei Erwachsene, die um die 30 sein mochten, mit zwei kleinen Kindern. Kurz nachdem unsere Rücken einander zugewandt waren, fingen meine Ohren den Kommentar des Familienvaters auf: „Schaug, a Bekloppter.“
Ich stellte mir vor, wie der bodenständige junge Mann reagierte, falls man ihn nach einer solchen Einschätzung spontan in den Schwitzkasten nähme. Mir käme das nie in den Sinn, schon weil ich danach höchst wahrscheinlich der Be- beziehungsweise Verkloppte wäre. Aber Sisson empfiehlt, sich in Zweifels- und Konfliktfällen zu fragen: „Was hätte der Steinzeitmensch Grok jetzt getan?“ Ich bin mir sicher: Er hätte auf keinem geistlichem Tasteninstrument gespielt.