Vor nicht allzu langer Zeit, wenige Wochen vor der Umstellung auf primale Lebensweise, machte mir jemand indirekt einen Vorwurf: Ich stähle mich. Für was das hätte gut sein sollen, verstehe ich bis heute nicht.
Zumal die Person der Lauflust, die sie mir vorwarf, selbst öfters nachgeht. Aber lassen wir das. Nach den Maßstäben des Sisson-Maskottchens Grok wäre jeder Freizeit-Lauf eine Lachnummer. Laufen war für Grok mutmaßlich entweder Weg- oder Nachlaufen. So ein mit dem Speer angeschossenes Wildtier rennt eben sehr schnell, gegebenfalls auch dem Schützen wütend entgegen.
Ganz ohne gefährliches Tier, dafür völlig unbewaffnet, musste ich gestern in die städtische Wildnis hinaus. Ja, München erinnert manchmal an eine Naturlandschaft. Etwa, wenn man über blankes Eis gehen muss. An spontane Sprints ist dann kaum zu denken. Dafür versuche ich, die Treppen von U-Bahn-Stationen zweistufenweise hinauf zu streben. Abwärts traue ich mich das nicht. Zu groß scheint mir die Gefahr, ganz gemein auf die Nase zu fallen.
Aber die wirklichen Gefahren des primalen Alltags lauerten gestern anderswo. Ich nahm einen Schulungsauftrag wahr, referierte knapp drei Stunden über ein Online Content Management System. Wundersamerweise fand sich auf Nachfrage meinerseits sogar ein Rednerpult. Auf diesem konnte ich mein Präsentations-Laptop platzieren und das Referat im Stehen halten. Die Zuhörer saßen und fühlten sich wohl dabei. Ich könnte eine Sitzung dieser Länge nicht mehr aushalten. Wenn, dann nur noch durch eisernen Willen erzwungen. Siehe oben…
Bevor ich meinen Stehplatz aber einnahm, musste ich erst einmal auf die Knie. Einem Mitarbeiter des Hauses war eine halbvolle Glasflasche mit Mineralwasser umgefallen, die zerbarst in viele kleine und ein paar größere Splitter. Im Reflex half ich gleich beim Aufsammeln der Scherben, meinte noch: „Ich sammel nur ein bisschen auf, ich kann mir jetzt keine Verletzung an den Fingern leisten…“ – sprachs, und spürte einen kleinen Einschnitt.
In einem Fernsehbeitrag hörte ich vor Jahren, dass die Neandertaler hart im Nehmen gewesen seien. Das sehe man auf Röntgenaufnahmen gut erhaltener Knochen. Unglaublich viele Brüche seien vollkommen natürlich verheilt, ganz ohne Bandagen oder Gipsverbände. Diese Vorfahren konnten offensichtlich viel wegstecken.
Mir stak nun ein winziger Glassplitter in der Fingerkuppe. Ich fragte mich nicht spontan, was Grok getan hätte. So ganz primal bin ich eben doch (noch) nicht. Statt dessen erkundigte ich mich, ob es eine Pinzette im Haus gebe. Ich würde mit dieser Fingerkuppe gleich viele Anschläge auf der PC-Tastatur machen müssen und dass das mit einem sich tiefer einbohrenden Glassplitter nicht so gut sei.
Im Verbandskasten des Auftraggebers fand sich zwar eine Schere, aber sonst kein Leichtes Gerät. Mit der Schere bekam ich den Splitter nicht zu fassen, er ragte nur einen knappen Millimeter aus der Haut heraus. Die eigenen Schneidezähne erschienen mir deshalb auch nicht geeignet für den Auftrag.
Was hätte Grok getan? Keine Ahnung. Ich für meinen Teil wandte mich an einen geistlichen Menschen. Der hatte ein Taschenmesser dabei (!), in das eine Pinzette integriert war. Und dieser Zugriff funktionierte. Ein Lob auf die ökumenische Zusammenarbeit!
Nach der minimal invasiven Selbstbehandlung war ich wieder fit, konnte das Programm durchziehen, am Abend im Chor singen und am heutigen Dienstagmorgen eine PEM-Einheit mit zwei Durchgängen absolvieren. Bei diesen „primal essential movements,“ kurz PEMs, läuft es zwar auf so etwas wie Stählung hinaus, ganz anders als beim anfangs erwähnten Ausdauer-Laufen. Zum Ausgleich ist hier aber die Regel, was beim Laufen vermieden werden soll: Man muss schlapp machen. Sonst gilt es nicht.