Beinahe hätte es geklappt. Für den diesjährigen Aschermittwoch und somit den Beginn der westkirchlichen Fastenzeit hatte ich mir die geballte Ladung aus PEM-Übungen, nüchterner Wanderung und kompletter Medien-Abstinenz auf den Tagesplan gesetzt. Eines davon funktionierte nicht.
Es war natürlich der vollkommene Verzicht auf digitale Aktivitäten. Wer in Mark Sissons Buch 21 day Total Body Transformation zum ersten Mal stöbert, wundert sich leicht darüber, dass der Kalifornier zum regelmäßigen „media fast“, also zum Computer-, Rundfunk- und TV-Verzicht ermuntert. Statt abendlicher Online-Sitzungen soll man lieber innerhalb von Familien- oder Freundeskreis sozialen Umgang pflegen, gerne im „…true European style…“.
Ich bin Europäer und seit Sonntag-Nachmittag zu Gast bei meinen Eltern. Aktive Karnevalisten waren diese nie und in Südostbayern hätten sie es mit diesem Saison-Hobby auch schwer. Für intensive Gespräche, wie sie in unserer Familie schon immer üblich waren, gab es also genug Zeit und Gelegenheiten. Wir haben diese Gelegenheiten wieder ausgiebig genutzt.
Für heute, den Aschermittwoch, hatte ich aber mehr vor. Ich nutze diesen Tag gerne, um auf Geist, Körper und Seele (ja, auch auf die) genau hin zu hören. Dazu brauche ich eine auf das Notwendige reduzierte Nahrung. Es geht nicht darum, mich zu quälen, sondern um eine klare Sicht auf die entscheidenden Fragen, die im Berufsalltag immer zu kurz kommen. „Heute keine E-Mails“ war daher einer meiner Tagesvorsätze. An Facebook, Twitter und Co verschwendete ich keinen Gedanken. Immerhin, die besagten sozialen Netzwerke tauchten dadurch tatsächlich in die Gräben der zeitweiligen Bedeutungslosigkeit ab.
Der Verzicht auf der deutschen Onliner liebstes Kind, den E-Mail-Dienst, fand dagegen am Nachmittag ein jähes Ende. Mark Sisson gibt in seinem 21-Tage-Kurs sehr gute Tips zum verbesserten Umgang mit diesem Informationsmedium, das er an sich für eine nützliche Erfindung hält. Er nutzt selbst gezielt Onlinemedien, wie neben seinem Blog auch sein Twitter-Kanal zeigt.
Seine durchdachten Ratschläge musste ich im Januar nur überfliegen und wusste, dass sie für mich praktisch ohne Konsequenzen bleiben würden. Ich habe meine Nutzung elektronischer Mitteilungen schon vor Jahren einem strengen Reglement unterworfen. Ich hatte und habe vor allem beruflich sehr viel mit E-Mails zu tun. Deswegen war ich schon früh darauf angewiesen, ein vernünftiges Archiv-System für die wichtigen Infos zu entwerfen und natürlich auch zu pflegen. Unnützen Ballast so früh wie möglich los zu werden gehört zu meinen Lieblingsdisziplinen in Sachen E-Post. Aber dafür muss ich die Nachrichten wenigstens einmal täglich abrufen. Sonst wird das Sortieren zum Stunden und Nerven zehrenden Job.
Gegen 14:30 Uhr war es heute so weit. Ich rief den Eingang meines wichtigsten Mailkontos ab und erwartungsgemäß zeigte sich, dass meine Umwelt weder Karnevals- noch Fastenzeit sonderlich wichtig nimmt. Dass ich die zweitere mit einem Einkehrtag beginne, ist kaum jemandem zu vermitteln.
Es gab trotzdem keinen Grund zum Jammern. Meine wichtigsten Fasten-Übungen hatte ich in weiser Voraussicht vor dem Mailabruf abgehalten. Es war ein fastenzeitlicher Hochgenuss, für gut zwei Stunden über Feldwege und Äcker zu gehen, ohne dass mir auch nur eine Menschenseele begegnet. Um so mehr Raum gibt es für die eigenen 23 Gramm. Und das Zeitempfinden rückt da hin, wo es hingehört: weit in den Hintergrund.
Gut, mein Zeitplan ging nicht zu 100% auf. Aber der Anteil, der anders als gewünscht verlief, wird durch die unerwarteten Momentgeschenke des Tages mehr als aufgewogen. Diese Erfahrung gehört übrigens auch zum Repertoire des primalen Lebensstils. Ein Grund mehr für mich, diesem Konzept die Treue zu halten. Ich grocke weiter, Freunde.