„Das ist nur eine Phase“ – zu meinem Erstaunen höre ich diese Aussage nur selten und vernahm sie noch nie in dieser Deutlichkeit. Aber weil das Dasein nun einmal kurvenreich verläuft, ist die Frage legitim, ob auch die primale Lebensweise nur eine Episode sein wird.
Unsere Vorfahren hatten keine Wahl. Überlebens-Chancen und Lebensbedingungen wurden stets von Anderen diktiert. Ob Fürst oder Vaterland die Untergebenen in einen Krieg sandte, die sanitären Verhältnisse im viktorianischen England zu Epidemien führten, europäische Familien einen Teil ihrer Kinder in ein Kloster schickten: Das Leben war noch nie ein Ponyhof. Gemessen an den Zwängen, die auch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch den Alltag prägten, scheinen Gruppendruck und Erwartungen von arbeitgebenden Konzernen heute geradezu umfassende Freiräume zu gewähren. Wenn man sie denn sieht und entsprechend nutzt.
Gestern erkundigte sich meine wichtigste Auftraggeberin, mit der ich auch persönlich befreundet bin, nach meinem Befinden. Mein Anlauf, auch an meinem Dozenten-Arbeitsplatz für mich eine workSTATion aufzubauen, war ihr natürlich nicht entgangen. Bei Schreib- und Recherche-Arbeiten zu stehen, erschien ihr gar nicht mal so sinnlos, wenn auch ein Stück weit fremd. Sie hatte vermutet, dass mich für mein Alter typische Rückenbeschwerden auf die Idee gebracht hätten, einen Steh-Arbeitsplatz einzurichten.
In der Tat hatte ich in der jüngeren Vergangenheit schon einmal Rückenbeschwerden. Die wurde ich allerdings nicht durch primale Ernährung und eine dazu passende Lebensweise los, sondern schlicht durch tägliches morgendliches langsames Laufen. Auf diese Maßnahme setzt unter anderem Dr. Ulrich Strunz, dessen Buch „Frohmedizin“ für mich der Einstieg in einen anderen Lebensstil war. Es gibt Querverbindungen zwischen dem, was der Mediziner Dr. Strunz postuliert und dem, was der Primal-Praktiker Mark Sisson befördern möchte. Die beiden Ansätze sind aber keineswegs identisch und der Arzt aus Deutschland begründet seine Anweisungen wissenschaftlich, während Sisson sich in erster Linie auf eigene wie fremde Erfahrungen und einige ausgewählte Studien stützt.
Was dann doch wieder beide verbindet: Es geht bei Frohmedizin wie primal lifestyle nicht um eine zeitweilige Diät, sondern um eine radikale Umstellung, deren Resultate für den Rest des Lebens fruchtbar und bestimmend sein sollen.
Mein Umstieg auf die angepasst primale Lebensweise à la Sisson liegt noch nicht weit zurück. Und weil ich ein ziemlich skeptischer Zeitgenosse bin, mag ich den Satz auch noch nicht in Stein meißeln, nach dem ich nie wieder in eine Scheibe Brot oder in eine (gekochte
) Kartoffel beißen werde. Trotzdem stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich derlei Rückfälle vermeiden lassen.
Als ich mich vor fast vier Jahren zum ersten Mal durch die Strunz-Lektüre zum morgendlichen Laufen antreiben ließ und am nächsten Tag, wie erwartet, einen entsetzlichen Muskelkater zu spüren bekam, dachte ich: „Das halte ich nicht lange durch.“ Da half auch die Versicherung des schreibfreudigen Arztes Dr. Strunz nichts, nach der das regelmäßige Laufen mit jedem Mal leichter werde.
Rückblickend stelle ich fest: Zwischen Ostern 2008 und Neujahr 2012 gab es etwa 30 Tage, an denen ich nicht gelaufen bin. Es war nach kurzer Zeit zur Gewohnheit geworden, genau so fest verankert wie Duschen oder Händewaschen. Und wenn es zwei Tage hintereinander nicht möglich war, morgens zu laufen – das kam immerhin zweimal vor – dann fehlte mir etwas.
Mark Sisson warnt ausdrücklich vor Nachhol- und Straf-Aktionen, wenn aus welchen Gründen auch immer eine PEM-Übungseinheit ausfallen musste oder sich der Verzehr eines sündhaft leckeren Tortenstücks nicht vermeiden ließ. Der Körper ist ungeheuer lernfähig und was er einmal gelernt hat, das vergisst er nicht gleich, nur weil ein einzelner Ausreißer an „die Gute Alte Zeit“ erinnern möchte. Die alten Zeiten erscheinen nach der Umstellung nämlich gar nicht mehr als verlockend. Die Gewohnheit, Kohlenhydrate als bevorzugte Energiequelle zu nutzen, wie es in Europa seit gut 7.000 Jahren Mode ist, hat kaum etwas gemein mit einer Alkohol-Sucht, bei der ein einziger Rückfall eine mehrmonatige Therapie in Minuten zunichte macht. Der durch primalen Lebensstil geschulte Körper hat einfach eine bessere Lösung neu entdeckt und quittiert ein überzuckertes Angebot mit einem mehr oder weniger freundlichen Kopfschütteln. Brot ist für mich kein Gift, es schmeckt mir nur nicht mehr. Das gleiche gilt für Pralinen, gesüßten Obstsalat, frisch gewalzte Pasta, Reis und andere Kohlenhydrat-Bomben. Schlechte Zeiten für massentaugliche Fast Food-Ketten, falls sie mich und andere primale Kunden gewinnen wollen. Aber ich war in diesen Dingen schon immer ein rabenschwarzes Schaf. Mäh.