Über Jahre hatte mein Bruder, der mich mit Mark Sissons Buch „21 Day Total Body Transformation“ bekannt machte, ein Vermittlungsproblem. Er war strenger Vegetarier, ein guter Teil unserer näheren Verwandtschaft dagegen war und ist im Metzgerberuf tätig. Jetzt versteht nur einer unserer Onkel die Welt seiner Neffen nicht mehr. Er ist Konditor.
Ich bin froh, dass ich vor Weihnachten noch nicht auf die kohlenhydratarme Kost umgestiegen war. Sonst wäre mir wohl der vorzügliche Stollen unseres lieben Verwandten im Hochsauerland entgangen. Wie soll ich es im Advent 2012 nur übers Herz bringen, diese süße Delikatesse harsch abzuwehren, selbst eine kleine Kostprobe?
Die gute Nachricht: Ich muss es gar nicht. Die primale Ernährungsweise àla Sisson erlaubt gelegentliche kleine Ausnahmen. Wenn der Körper erst einmal gelernt hat, seine Energie und den für Gehirn und andere Organe erforderlichen Zucker aus naturbelassenen Fetten zu beziehen beziehungsweise zu erzeugen, geht ein kleiner Ausreißer in Ordnung. Man muss sich nur darauf gefasst machen, dass einem die süße Sünde nicht mehr so gut schmeckt wie früher und dass die Stimmung kippen kann. Nicht wegen diffuser Schuldgefühle, sondern weil der Körper auf die plötzlich ins Blut schießende Insulin-Dosis irritiert antwortet.
Ich bekam vor einigen Tagen mit, wie so eine Irritation abläuft. Ein Koch hatte offensichtlich Zucker in das Salat-Dressing gemischt. Für eine kurze Zeit fühlte ich mich unruhig und weniger konzentriert. An diesen Zustand bin ich tatsächlich nicht mehr gewöhnt. Mir fiel auf, dass ich mich genau so früher regelmäßig gefühlt hatte, und nicht nur für Minuten, sondern stundenlang – im Mittagsloch, während der Verdauungspause. So etwas brauche ich seit Wochen nicht mehr! Das war eine der ganz großen Überraschungen, die sich durch den Verzicht auf kohlenhydratreiche Kost ergaben.
In meiner bisher fünfwöchigen Erprobungsphase konnte ich nur eine einzige Gefahr von kleinen und seltenen kulinarischen Sünden ausmachen. Diese Gefahr liegt einfach darin, dass eine alte Gewohnheit durch wiederholte Ausnahmen wieder fröhliche Urständ feiern könnte. Manche Ausnahmen haben das Zeug dazu, sich wieder als Regel zu etablieren. Das weiß jeder, der einmal das Rauchen aufgegeben hat oder eine andere Gewohnheit, die den Alltag oder besonders schwierige Situationen leichter machte.
Ich stamme nicht nur aus einer Familie, die mit Metzgern reich gesegnet ist, sondern auch aus einer Brotesser-Sippe. Nach meiner Komplett-Umstellung schmeckt mir Brot nicht mehr, weder Vollkorn-Gebäck noch ein früher heiß geliebtes Walnuss-Rosinen-Brötchen vom Edelbäcker. Letzterer beherrscht sein Handwerk genau so perfekt wie mein Konditor-Onkel das seine. Trotzdem werde ich in der nahen Bäckerei wohl nie wieder in der Schlange stehen, um nach ein paar Minuten frisches Gebäck in Empfang zu nehmen. Auf das Stück Stollen darf ich mich fast ein ganzes Jahr freuen. Und dann werde ich mich auf diesen nicht zuletzt durch seine Seltenheit besonders wertvollen Genuss ganz besonders freuen.