Wer sich auf die primale Lebensweise einlässt, entdeckt fast zwangsläufig viel Neues. Etwa, dass Ausdauer nicht nur eine Sache der Atmung, des Herzschlags und der körperlichen Kräfte ist.
Manche Vorschläge, die Mark Sisson seinen Blog- wie Buch-Lesern macht, muten zunächst seltsam an. Ich habe mich ab und zu durchaus überfordert gefühlt – wenn auch bloß beim ersten Kurs-Durchlauf.
Als primaler Wiederholungstäter stellt man nämlich fest, dass fast alle Übungen und Maßnahmen auf Dauer und kreativ abwandelnde Wiederholung angelegt sind. Die „total body transformation“, die Sisson in seinem gleichnamigen Buch verspricht, ist keine Diät und erst recht nicht die Verheißung, von der klassischen Couch-Kartoffel zum Athleten zu werden. Die eigentliche Transformation bezieht sich auf den Stoffwechsel, auf das Vermögen des Körpers, Fette als erste Energiequelle zu nutzen – statt der Einfach- und Mehrfachzucker, an deren Verarbeitung er von Kindheit an gewöhnt ist.
Vor einigen Tagen fragte mich ein Cousin, der mit kraftfördernden Diäten experimentiert, welche Nebenwirkungen die Ernährungsumstellung bei mir gezeigt habe. Die Frage will ich an dieser Stelle beantworten: Eigentlich keine, es gab keinerlei unangenehme oder sonstwie negative Effekte. Es lässt einen bloß staunen, wie schnell man sich an eine schräge Form von Heißhunger gewöhnt.
Während ich früher abends ein gewaltiges Verlangen nach Süßem hatte, sowie das Bedürfnis, die Beine möglichst bald hoch zu legen und dabei bequemstmöglich zu sitzen, widern mich zuckrige Sachen regelrecht an. Und nach einer reichhaltigen Mahlzeit schreit der Körper nicht nach einer Verdauungspause, sondern nach Aufbruch ins Freie.
Früher hätte ich vermutet, dass nervöse Unruhe und vielleicht ein schlechtes Gewissen (oh weia, soooo viel Sahne habe ich verputzt!) hinter diesem Bewegungsdrang steckten. Ich versichere hiermit: Nichts von beidem empfinde ich. Wenn mich etwas auf die Palme bringt, was selten genug der Fall ist, dann sind es immer die üblichen Verdächtigen, nicht die Neuerungen von primaler Seite.
Der primal lifestyle macht keinen Druck von außen, er weckt lediglich verschüttete Kräfte im Inneren. Gut, diese Energie-Schätze können fast schon gewaltsam über einen hereinbrechen.
Als ich gestern Abend von der montaglichen Chorprobe nach Hause ging, überfiel mich plötzlich ein Impuls, den ich bis einschließlich Dezember nicht kannte und nie für möglich gehalten hätte. „Wie wäre es,“ dachte ich, „wenn ich jetzt einfach bis zu der Straßenlampe hundert Meter vor mir rennen würde, nur so zum Spaß?“ Der Gedanke dauerte nur einen halben Augenblick, dann lief ich los. Um dann bei besagtem Straßenlicht sofort wieder das Tempo zu wechseln und den Vorgang ein paar Minutenl später noch einmal zu wiederholen. Und beide Male bemerkte ich, wie schnell Atmung und Puls wieder normal wurden, während ich unglaublich gut gelaunt war.
Ich wurde seit je her für extrem bewegungsfaul gehalten, ich war der Albtraum jedes Sportlehrers. Das, so hoffe ich, wäre ich noch immer. Strafe muss sein, liebe Sadisten im Trainingsanzug. Aber allmählich verstehe ich Menschen, die gerne tanzen. Meine ziemlich langen Beine machten mich bisher auf den wenigen Parketten, die ich mehr un- als freiwillig betrat, zur unbeholfenen Lachnummer. Aber schon seit gut zwei Wochen denke ich darüber nach, ob ich nicht doch einmal in einen entsprechenden Kurs hinein schnuppern sollte. Es wird weder Gesellschaftstanz noch feuriger Samba oder Tango werden, für beides ist mein Temperament auch nach der großen Umstellung nicht geeignet. Mir schwebt eher ein Spinnentanz vor. Auf langen Beinen lange warten und plötzlich… – Wo steht geschrieben, dass Kreativität nur in der primalen Küche und der Kunst zu Hause wäre? Öfter mal etwas Neues ausprobieren, das ist primale Lebensstil-Essenz. In diesem Sinne: Es ist Zeit, sich von der Tastatur zu lösen und etwas Anderes, etwas Herausforderndes zu tun!