Manche Aufgaben des Sisson-Kurses können auf einen späteren Termin vertagt werden, nur nicht auf Sankt Nimmerlein. Wie erkennt man die Gunst der Stunde?
In grauer Vorzeit, in meinem ersten Philosophie-Proseminar, schrieb ich eine Abhandlung zum Thema „Muße“. Gerade habe ich die letzte noch erhaltene Kopie dieses Textes, den ich auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt habe, aus den Staubwolken meiner Archiv-Ordner gezogen. Mh, eine leicht aktualisierte Neuauflage scheint mir nicht sinnlos.
Was hat Muße (also nach landläufigem Verständnis: Untätigkeit) mit primalem Lebensstil zu tun? – Eine ganze Menge. Viele Übungen, die Mark Sisson seinen Lesern vorschlägt, betreffen das Aussteigen. Nein, nicht aus dem Zug und auch nicht aus der Gesellschaft. Es geht eher um Gewohnheiten, in denen man sich selbst eingerichtet hat, häufig aus guten Gründen. Weil es anders nicht zu bewältigen ist, das angeblich pralle Leben der Moderne. Weil man sich seinen Beruf leider nicht aussuchen kann (eine besonders tolle Errungenschaft übrigens). Weil das rohstoffarme Deutschland von geistiger Leistung von Bürosessel-Insassen lebt. Und so weiter…
Stimmt das alles? Und um Mark Sisson einmal wörtlich wenn auch übersetzt zu zitieren: „Was hätte Grok dazu gesagt?“ Steinzeitmensch Grok, beziehungsweise sein mutmaßliches Urteil, ist für Primal Blueprint-Autor Sisson die letzte und entscheidende Instanz.
Bei meinen eigenen wichtigen Weichenstellungen ziehe ich andere Gestalten zu Rate. Mit Grok haben sie alle gemein, dass ich sie nicht persönlich fragen kann, sie sind allesamt lange vor meiner Geburt verstorben. Aber anders als Grok haben sie Aussagen hinterlassen. Naturgemäß nicht zu Dingen wie Facebook, CO2-Emissionen oder Geschäftsreisen mit dem Flieger.
Dafür haben Leute wie Benedikt von Nursia durchaus etwas über Mobilität und Bodenhaftung geschrieben. Gedanken über einen vernünftigen Umgang mit natürlichen Ressourcen finden sich schon bei Philosophen der Antike. Und zum Komplex Sensationsgier (lateinisch: curiositas), Dampfplauderei (loquacitas) und geistlos zerstreuter Geschäftigkeit (acedia) hat sich einer meiner Lieblingsautoren, Thomas von Aquin, geäußert. Dass die Gedanken des letztgenannten Kirchenlehrers über Muße und Zerstreuung lange Zeit falsch übersetzt waren und deshalb komplett falsch verstanden wurden, darauf hat Josef Pieper in seinem hochgradig lesenswerten Büchlein „Muße und Kult“ hingewiesen.
Echte Muße geht einher mit Aufmerksamkeit seiner menschlichen wie sächlichen Umgebung gegenüber. Ein altes Wort dafür ist Betrachtung, ein noch älteres das lateinische contemplatio, ein Ur-Wort, das Grok vielleicht gefallen hätte, ist Schau. Wobei Schau beinhaltet, dass der Betrachter angesprochen wird, sei es verbal, sei es durch Erinnerungen oder von außen wirkende Eindrücke.
Nun ist ein Blog-Eintrag nicht der richtige Ort, um einen Traktat zur kontemplativen Schau zu verfassen. Deswegen wende ich mich jetzt auch wieder der Schau-Praxis zu – im Alltag, auf dem Fußweg zur Stadtbücherei. Und um den oben erwähnten antiken Philosophen die Ehre zu geben, wird mich dieser Weg über eine waschechte Agora führen. Den Besuch lokaler Marktplätze empfiehlt Mark Sisson ausdrücklich. Ich bin sicher, dort keine Sensationen, verhältnismäßig wenig Dampfplauderer, ziemlich viel Geschäftigkeit vorzufinden, aber auch reichlich primale Kost. „Ich hätte gerne ein Dutzend von den Bio-Eiern, bitte.“ – Ohne Federlesen und Rumeiern.