Tag 19: Kennen Sie Aronia?
Manche Tage enden früher als erwartet. Gegen Neun Uhr konnte ich das Gähnen nicht mehr unterdrücken. Eine halbe Stunde später versank ich in tiefen und lang anhaltenden Schlaf. Dringend tatverdächtig der unerwarteten Narkose ist – eine Beere.
- Kommissar: (schnaubend) Jetzt geben Sie es schon zu, Sie Saftsack – Sie haben das Opfer eingeschläfert!
- Aronia: (errötend, siehe Foto) Nein, Herr Kommissar, ich war’s nicht. Der arme Mann hat sich wahrscheinlich nur überanstrengt.
- Kommissar: Aber Sie waren am Tatort. Sie haben Spuren am Glas hinterlassen, das Herr S. zum Abendessen ausgetrunken hat.
- Aronia: Das leugne ich ja gar nicht. Herr S. hat mich am Donnerstag eingeladen. Ein gemeinsamer Bekannter hat uns einander vorgestellt. Wir fanden uns gleich sympathisch und nahmen mehrere Mahlzeiten zusammen ein.
- Kommissar: Wie viele genau? (er beginnt zu notieren)
- Aronia: Hm, also – am Donnerstag war es das Abendessen, am Freitag haben wir zusammen gefrühstückt und dann…
- Kommissar: Einen Moment! Soll das heißen, Sie und das Tatopfer haben im selben Raum übernachtet?
- Aronia: Nein, das kann man so nicht sagen. Herr S. hat mich nach dem Abendessen am Donnerstag kaltgestellt. Ich fühle mich bei Raumtemperatur nicht so wohl und halte es nur kurze Zeit aus.
- Kommissar: Interessant, interessant. (Er notiert „Der Verdächtige ist eiskalt und berechnend“). Nun, wie ging es am Freitag weiter?
- Aronia: Nach dem Frühstück?
- Kommissar: Genau!
- Aronia: Herr S. ging zu seinem Arbeitspult, als ich ihn verließ. Wir haben uns erst wieder gegen 19 Uhr gesehen. Da wirkte er etwas niedergeschlagen.
- Kommissar: Konnten Sie erkennen, wodurch sich seine Stimmung verändert hatte? Wirkte er abgearbeitet?
- Aronia: Eher nicht. Wie Sie ja wahrscheinlich wissen, war es gestern draußen kalt, klamm und grau. Die Gehwege waren glitschig und für längere Gänge kaum geeignet. Herr S. macht sehr gerne ausgedehnte Bewegungspausen, wie er mir erzählt hat.
- Kommissar: Ihrer Meinung nach litt Herr S. gestern also unter Bewegungsmangel.
- Aronia: Ja, das kam mir so vor.
- Kommissar: Aber (er wird wütend), verd**** noch mal, wie kann man den durch Bewegungsmangel plötzlich eingeschläfert werden? Vor allem am Abend, nach einer stärkenden Mahlzeit, zu der Sie ein Getränk beigesteuert haben! Wir wissen, dass Sie schon für unterschiedliche Staaten als Agent gearbeitet haben. Soll ich es Ihnen denn vorlesen? Sie (er blättert in Akten) stammen ursprünglich aus Nordamerika. Dann siedelten Sie sich in der jungen Sowjetunion an. Genau da, wo es wegen der Kälte und Dunkelheit niemanden lange hielt. Ihre wächserne Haut kam den wenigen Reisenden, die Sie dort antrafen, seltsam vor. Und es gibt Zeugenaussagen, die ihren herben Charakter belegen.
- Aronia: Ich habe aber auch gute innere Werte!
- Kommissar: Ja, offenbar hinterhältig betäubende.
- Aronia:Nein, ich wirke vor allem antioxidativ. Schlagen Sie doch in den Akten nach, ob ich jemals jemanden eingeschläfert habe.
- Kommissar: Na gut, wenn Sie das wollen… (er blättert) Also, hier in der Wikipedia-Akte lese ich, dass Sie in der Sowjetunion eine Heilpraktiker-Karriere aufgenommen haben. Auch in anderen Akten gibt es Spuren. Sie haben offensichtlich einen Decknamen: Apfelbeere…
- Aronia: Das ist mein Familienname!
- Kommissar: Fein! Und zu dieser sauberen Familie gibt es ein ganzes Dossier. Lassen Sie es mich kurz überfliegen…
- Aronia: (wartet ungeduldig)
- Kommissar: (liest sich betont langsam durch das Dossier)
- Aronia: Herr Kommissar…
- Kommissar: (langsam und leise) Ja, Verdächtiger?
- Aronia: Ich müsste mal raus.
- Kommissar: In die Freiheit? (grinst)
- Aronia: Nein, ins Kühle. Es ist so warm und hell in Ihrem Büro.
- Kommissar: Trösten Sie sich. In unseren Untersuchungszellen ist es dunkel und kalt, nur wenige Grad über Null. Ich denke, Sie werden sich wohlfühlen.
- Aronia: Wie lange wollen Sie mich festhalten?
- Kommissar: Rechnen Sie mal mit ein bis zwei Wochen.
- Aronia: Das geht nicht! Nach fünf Tagen bin ich fertig, völlig ausgelaugt.
- Kommissar: Das hätten Sie sich überlegen müssen, bevor Sie das Opfer Herrn S. …
- Herr S.: (eilig und sehr munter hereinkommend, sich freudig auf Aronia stürzend) Teurer Freund, Danke! Ich weiß nicht, ob ich diese wunderbar erholsame Nacht Ihnen verdanke, aber ich wüsste nicht, wer das sonst hätte fertigbringen können. Darf ich Sie heute wieder an meiner Tafel begrüßen?!
- Aronia: (diesmal vor Verlegenheit errötend) Aber gerne doch.
- Kommissar: Grumpf!
====== Dramatis fins ======