
Bischofskirche Assumptio Mariae in Odessa (UA)
Foto: Thorsten Steinhoff, 2008
„Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater, der mich ausgeschickt hat, ihn nicht zieht. Und ich lasse ihn auferstehen am Letzten Tag.“ (Joh. 6,44)
Nur wenige kirchliche Feiertage verursachen derart heftiges Kopfschütteln bei meinen atheistischen Freunden. Gemälde, die „Mariä Himmelfahrt“ darstellen, muten uns ja auch einiges zu: Einen Abflug ohne technische Hilfsmittel, dafür mit göttlichem Scheinwerfer-Einsatz. Kann man Spöttern den flapsigen Alternativ-Namen „Maria-flieg-in-die-Höh“ übel nehmen?
Es stört mich, wenn Zeitgenossen der Kirche eine kindliche Bilderbuch-Weltsicht unterstellen. Wir blicken alle auf die uns zugewandte Seite des Mondes und niemand lebt dahinter.
Meinen Schlüssel zum 1950 per Dogma neu verankerten Marienfest fand ich vor rund 15 Jahren. Ich sah mir ein Gebäude an, das nach Jahrzehnten, die es als Sporthalle gedient hatte, wieder zu einer römisch-katholischen Pfarrkirche wurde. Neben dem Portal wies eine Metalltafel auf das Matronat hin: Assumptio Mariae – gemeinhin übersetzt mit Mariä Himmelfahrt.
Wer aber des Lateinischen ein Stück weit mächtig ist, weiß, wie falsch diese Übersetzung ist. Das Wort assumptio bedeutet „Aufnahme“ – von Take off mit Schäfchenwolken, jubelnden Putten und Strahlenkränzen ist keine Rede. Wie man sich eine leibliche Aufnahme in die Ewigkeit genau vorzustellen hat, verrät keine schriftliche Überlieferung und kein Bericht.
Das mittlerweile zum Bischofssitz erhobene Gotteshaus Assumptio Mariae steht mitten im Zentrum einer russischsprachigen Stadt am Schwarzen Meer. In der russisch-orthodoxen Kirche heißt der ebenfalls am 15. August (nach julianischem Kalender) gefeierte Festtag „Entschlafen“ (uspénije).
Diese nüchterne Betrachtungsweise scheint so gar nicht zur leidenschaftlichen orthodoxen Marien-Verehrung zu passen. Aber eine Stärke der russischen Orthodoxie ist ihre Bodenhaftung in irdischen Dingen. Und das Sterben eines Menschen ist zweifellos irdisch. Auch, wenn es um das Sterben der Frau geht, die Jesus aus Nazareth geboren und aufgezogen hat.
Ewige Heimat, großer Friede, Himmel – Namen für die andere Seite sind immer bildhaft. Viele laufen wissenschaftlich geschulten Weltbildern der Moderne zuwider oder sind offensichtliche Projektionen. Der Himmel ist für uns kein Zelt mehr, wir leben in keinem. Die Physik hinterfragt die Ewigkeit oder jedenfalls das, was man so nennt. Welche chemischen Prozesse in sterbenden Organismen ablaufen, beobachten Biologen. Und schon lange wissen wir, dass der menschliche Körper von Anfang bis Ende ständiger Veränderung unterliegt. Wenn mein Leib also aufersteht, welcher genau? Und was soll man sich unter der Heimkehr vorstellen, die nach christlicher wie jüdischer Lehre die Verstorbenen antreten? Wo wurde die entschlafene Maria aufgenommen? Ja, atheistische Freunde, solche Fragen müsst Ihr stellen! Sonst können wir Euch nicht ernst nehmen.
„In den Propheten ist geschrieben: Und allesamt werden sie belehrt sein von Gott. Jeder, der vom Vater her hört und lernt, kommt zu mir.“ (Joh. 6,45)