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Zwei Seelen schlagen, ach…

Zwei Geister

F.: Thorsten Steinhoff, 2009

Heute ist mein Geburtstag. Es ist unwichtig, wie viele Jahre ich diesen Tag schon feier. Jeder hat einen Geburtstag, manche Menschen haben mehrere. Das Überstehen eines schweren Unfalls, eine Rückkehr aus der lebensgefährlich tiefen Depression ins Leben, eine zweite Chance – all das kann man als zusätzlichen Geburtstag verstehen und dafür Dankbarkeit empfinden. Dafür braucht es noch nicht einmal den Glauben an eine höhere Macht.

Bei mir verhält es sich ein wenig anders. Meine zweiter Geburtstag folgte dem ersten binnen kürzester Zeit. Als ich zur Welt kam, gaben mir die anwesenden Ärzte und Geburtshelferinnen kaum eine Überlebens-Chance. Meine Blutgruppe unterschied sich zu deutlich von der meiner Mutter und so kam es während der Geburt zu einer schweren Gelbsucht. Ein kompletter Blutaustausch war die einzige mögliche Rettungsmaßnahme, die aber im örtlichen Krankenhaus nicht durchgeführt werden konnte.
Bevor man mich in das nächste größere Krankenhaus fuhr, gab man mir noch die Nottaufe. Mein Geburtskrankenhaus war kirchlich geprägt und das Seelenheil des winzigen Wesens, das sich zu verabschieden schien, sollte nicht auf's verloren geglaubte Spiel gesetzt werden.

Nach ein paar weiteren Komplikationen und diversen Wochen stand fest: Der Kleine ist doch lebensfähig. Meine Eltern trugen mich bei Zeiten zur örtlichen Pfarrkirche, die engere Verwandtschaft war anwesend. Der Pfarrer Klinkhammer, ein ebenso strenger wie wohlwollender Mann, spendete mir das von meinen Eltern erbetene Sakrament. Als er meinen Namen ins Taufbuch eintragen wollte, stand dieser bereits darin.
Für meine Eltern setzte es darauf hin eine extra lange Leviten-Lesung, größtenteils in einer frei improvisierten und überaus lautstarken Fassung. Pfarrer Klinkhammer war einmal Militär-Geistlicher gewesen.
Den nicht christlichen Lesern sei es erklärt: Nach katholischer, lutherischer und orthodoxer Lehre gibt es für jeden Christen nur eine Taufe. Ein „Umtaufen“ ist keine Taufe im eigentlichen Sinne sondern nur der Wechsel zu einem anderen Glaubensverständnis. Dass derselbe Pfarrer Jahre später dem Bischof, der mich firmte, den falschen Vornamen nannte, war wahrscheinlich ein Versehen, keine späte Rache für die doppelte Taufe.

Habe ich zwei Seelen, ein doppeltes Seelenheil? Fromme Leute mögen darüber grübeln, manche würden vielleicht im Brustton der Überzeugung sagen: „Nein, der Mann hat kein Heil zu erwarten. Seine Eltern haben gesündigt und er bekommt dafür die gerechte Strafe.“ – Ganz ehrlich gesagt, solche Irren kenne ich nicht persönlich und sollte es sie im riesigen Zoo der Christenheit geben, vertraue ich ganz darauf, dass sie von der einzigen echten Autorität eines Besseren belehrt werden.

Aber Konsequenzen hat dieses Erleben, an das ich natürlich keine bewussten Erinnerungen habe, für mich durchaus. Von einem geistlichen Begleiter, den selbst ein schwerer Unfall aus dem gewohnten Leben warf und der fest daran glaubt, dass auf uns alle jemand wartet, der uneingeschränkt Ja zu jedem sagt, von diesem Jesuiten habe ich eine Sichtweise übernommen: Ja, der Erlöser sehnt sich selbst nach der Begegnung mit uns, von Angesicht zu Angesicht, wie es in der Frohen Botschaft heißt. Aber er lauert nicht auf uns. Auch in diesem Dasein, mag es noch so beschädigt, eingeschränkt, leidvoll und unbeständig sein, will er uns im Blick halten. Für diejenigen gesagt, die „The Great Divorce“ von C.S.Lewis gelesen haben: Er liebt uns schon, während wir noch in der winzigen Erdspalte leben.
Wer das kleine Buch von Narnia-Autor Lewis noch nicht kennt – Leihen oder Kaufen und Lesen! Einen ganz besonderen Geburtstag wird jeder von uns erst noch erleben. Und ein wenig davon ist in Lewis Großer Scheidung angedeutet.