Zukunft gegen Träume

Der Februar gilt nicht als Hoch-Monat des Optimismus. Aber seit wann kümmert sich die Welt-Wirklichkeit um unsere Stimmung?

Wäre es Ende der 80er Jahre nach mir gegangen, hätte ich auf den überstandenen Abiturprüfungsstress erst einmal ein paar Monate Entspannung folgen lassen. Meine Eltern erzählten mir etwas ganz anderes. Und heute bin ich ihnen zutiefst dankbar dafür.

So vergingen nur einige Wochen und schwupps war ich an der Universität Regensburg eingeschrieben. Gleichzeitig stand ich von jetzt auf gleich alleine da, in einer unvertrauten Umgebung, ohne Anhang, ohne bekannte Gesichter in meiner Nähe. – Ok, die Gesichter meiner Nachbarn hatte ich mir schnell eingeprägt, es waren durch die Bank angenehme Zeitgenossen. Unvergesslich bleibt mir der Hausgeist Peter. Den Spitznamen prägte mein Kommiliton T., der im Erdgeschoss wohnte. Ich kann mich an keinen Hausnachbarn erinnern, der hilfsbereiter und freundlicher gewesen wäre. Dass unser Hausgeist geistigen Getränken nicht abgeneigt war, geschenkt.

Der Blick aus dem Fenster konnte einen ja auch schwermütig machen. Geradeaus sah man die Straße, die zum Vorklinikum der Uni führte. Links machte der Regensburger Galgenberg einen postmortalen Buckel und rechts glänzte eine Autobahnbrücke mit fröhlichem Grau in Grau. Na denn, hoch die Tassen…

In meinem Fall waren es mindestens tagsüber Teetassen. Ich war weder Tee-, noch Kaffee- oder Wein-Trinker, als ich nach Regensburg zog. Es sollten etliche Semester vergehen, bis ich zum ersten Mal überhaupt Bier trank. Und das war ein Versehen, denn ich hatte Apfelschorle bestellt. 😉 Etwas ganz Reales und Harmloses also, das ich gut kannte.
Vielleicht lag es an meiner Jugend, dass mich das Große Unbekannte nicht im geringsten verwirrte, das Regensburg seit 1989 prägte: Die Nähe zu den nun offenen Grenzen. Im Gegenteil, mein Herz schlug leidenschaftlich ostwärts. Das immerhin tut es bis heute.

Heute schlägt es von Berlin aus. Berlin war damals für mich eine vollkommen unbekannte Größe. Ich war ein einziges Mal dort gewesen, irgendwann in den 70er Jahren. Ich kann mich an die British Airways-Maschine und an das Brandenburger Tor im grauen Nebel erinnern. Was ein Grundschulkind aus der sauerländischen Provinz eben so sieht, wenn es in eine Großstadt kommt.
Zu meiner Traumstadt ist Berlin damals nicht geworden, das hat noch viele Jahre gedauert. Da kam ich von Odessa, meiner Herzensheimat, zurück nach Regensburg und machte in Lichterfelde Station der Liebe wegen.

Die Liebesgeschichte ging traurig zu Ende, mich verschlug es kurze Zeit später nach Trier – in eine Wüsten-Zeit meines Lebens, obwohl es anfangs nach blühenden Seelenlandschaften aussah. Nächster Halt: München. Und so in eine Stadt, gegen die ich zu Regensburger Zeiten eine mächtige Abneigung verspürt hatte. Meine Traumstadt ist München nie geworden, die gut 12 Jahre nicht, die ich an der Isar verbracht habe. Aber ohne diese Episode, vor allem ohne ihr mit Katastrophen behaftetes Ende, hätte ich nie den Absprung nach Berlin gewagt. Und ohne Berlin…

Ginge es nach meinen jetzigen Absichten, bliebe ich den Rest meines Lebens hier. Ich fühle mich immer noch wohl, mache ständig neue Entdeckungen, weiß mich gebraucht und wertgeschätzt.
Auf der anderen Seite steht eine Wirklichkeit, die mein bester Freund und Mentor, Vater Richard Loftus SJ, als „die Logik Gottes“ bezeichnete. „Es zieht sich wie ein Roter Faden durch die ganze Bibel,“ pflegte er zu sagen, „von wo aus nichts zu erwarten ist, von da aus handelt Gott“.

Wenn ich auf die bisher gelebten Jahre zurückblicke, sehe ich diesen Roten Faden nicht nur in der seit längerem intensiver gepflegten Bibel-Lektüre. Sondern auch in der eigenen Biographie. Noch fällt es mir schwer, dieselbe Handschrift in Lebensläufen Anderer wahrzunehmen. Wer aber Briefe immer noch mit einem Stift auf Papier schreibt, wie ich es tue, weiß: Eine Handschrift sieht auf Büttenpapier anders aus als in einem Notizblock. (Damit will ich niemanden als Edelpapier und niemand als Schmierzettel abstempeln. Liebesbriefe stempelt man ja auch nicht.)
Bis jetzt lese ich selbst in den Lebenstexten, die mir der Herr schreibt, unverständliche Passagen. Was hat Er sich zum Beispiel gedacht, als er mir vor etwa vier Jahren den Impuls gab, mir ein schwedisches Wörterbuch zu kaufen? Einfach so, ohne Anlass, just for fun. Und zwei Jahre später ergibt sich plötzlich eine Chance, nach Stockholm zu fliegen, weil, schniffz…, Air Berlin Sonderflüge dahin anbietet und meine Bonus-Meilen genau für diese Strecke reichen. Durch den jüngsten Stockholm-Besuch ergab sich eine Verbindung zu einem Restaurant im Prenzlauer Berg und nach Malmö. Und eben da, in Malmö, macht mein neues Stammlokal demnächst ein zweites Haus auf. Höchste Zeit, den Kombucha-Brauern von Roots of Malmö, Matthias und Nick, einen Besuch abzustatten. Wer weiß, was daraus entsteht.

Noch aber bin ich glücklich in Berlin, dessen Kieze zwar alle in der einen Stadt liegen, aber zuweilen unterschiedliche Welten sind. Ein Beispiel dafür, dass sich manche Träume in Wirklichkeiten verwandeln und dabei alle Grenzen sprengen.
In meiner Regensburger Zeit hieß mein Lieblingssänger Herman van Veen. Als ich heute vor dem Café Westberlin an der Friedrichsstraße stand, wo es schwedischen Drops-Kaffee gibt, musste ich an zwei Verszeilen aus seinem Lied „Signale“ denken:

„Nur Wolken ungehindert zieh’n
von Ost- nach Westberlin.“

In diesem Lied, das 1984 veröffentlicht wurde, benennt der träumende Poet aus den Niederlanden noch mehr hoffnungslose Miseren des jüngsten achten Jahrzehnts. Heute sind sie Gott sei Dank Geschichte. Hoffen wir, dass unsere Träume von heute bald von einer göttlichen Wirklichkeit überholt werden. Wer beten kann, darf es gerne tun.

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