Vergängliche Wegstrecken

Ich war jung und brauchte kaum Geld. Eine bitter-süße Erinnerung, powered by Berliner Verkehrsbetriebe.

Ganz unverhofft brach über mir eine Erinnerungswelle, als die morgendliche S26 gerade den Bahnhof Lankwitz verließ.
„Bin ich hier 1995 schon einmal hergekommen?“ fragte ich mich.

Damals gab es noch keine Smartphones und Fußgänger-Navis vermochte sich noch niemand vorzustellen. Stadtpläne waren für Faltkünstler gemacht und Onlinetickets – wie hätten damals BVG-Kontrolleure reagiert, hätte man ihnen eines unter die Nase gehalten? Mit dem Nadeldrucker ausgedruckt natürlich. 😉

Was ich Bus-Fahrern und S-Bahn-Schaffnern hätte zeigen können, war mein ukrainischer Studenten-Ausweis. Mein wenig spektakulärer Lappen des Regensburger Studentenwerks wartete noch darauf, wieder in Besitz genommen und ins Portemonnaie verfrachtet zu werden. Aber der oben abgebildete Ausweis, den mir die Metschnikow-Universität Odessa ausgestellt hatte, lag im Reisegepäck.

Früh morgens – planmäßig um 6:55 Uhr – war ich am Bahnhof Berlin-Lichtenberg mit dem D 448 aus Kraków angekommen.
Noch am Bahnhof erwarb ich einen Stadtplan. Wie hätte ich mich sonst zurechtfinden sollen? Ich war zum ersten Mal als Erwachsener in Berlin. Und ich war verliebt, folglich nicht ganz zurechnungsfähig, auch nicht in Sachen Orientierung.
Nur mein Ziel war klar: Ich wollte zur Goertzallee 135. Ein Blick in das Straßenverzeichnis des Stadtplans zeigte: Das waren ein paar Meter…

Ich wollte lächelnAus Gründen, die ich vergessen habe, benötigte ich ein Passfoto. Und das am frühen Morgen, nach fast zwei Tagen anstrengender Zugfahrerei. (Ich erzähle später mal davon, versprochen.) Stress.
Entsprechend wenig entspannt wirke ich auf dem Passbild. Eigentlich freute ich mich ja auf KB, aber wer wusste schon, ob die sich auch auf mich freute. Der morgendlich graue Bahnhof Berlin-Lichtenberg wirkte kaum ermutigend.

Rückblickend bin ich froh, dass ich keine Ahnung von dem hatte, was in den folgenden Tagen und Monaten passieren würde. Kurz gefasst: Exakt ein halbes Jahr später sollte meine Welt zusammenbrechen, fast auf die Stunde genau. Und der Weg zu dieser Katastrophe war steinig.
Dass unter diesen spitzen Steinen auch ein paar Juwelen waren, stimmt mich heute versöhnlich. Dass ich meinen ersten bewussten Berlin-Aufenthalt trotzdem nicht verkläre, wie ich es mit anderen ähnlich dramatischen Lebensabschnitten durchaus tue (mea culpa, mea culpa, mea…), nehme ich als Zeichen für einen Entwicklungsprozess, der damals anfing und noch lange nicht zum Ende gekommen ist. Meine Liebe zu Berlin, wie ich sie auch in der S26 nach Lichterfelde intensiv empfand, gründet nicht auf diesem Sommer 1995.

Aber was kümmert es die Liebe, woher sie rührt? Und die Meereswelle fragt nicht danach, wem sie den Kopf unter Wasser drückt.
Kryptisch? Tja, Freunde, so bin ich eben. Ich liebe Nebelkerzen und nehme mir in meinem Blog die Freiheit, diese Leuchtmittel großzügig zu verteilen. Ihr sollt mich noch kennenlernen. (Hähä, das war schon wieder eine.)

Um uns wieder gemeinsam auf’s Gleis beziehungsweise ins Fahrwasser zu bringen, habe ich ein Gedicht für Euch.

Aquamarin

Du läufst und Eis knirscht unter deinen Füßen.
Das Meer ersehnst du, atmest seine Luft
und strebst auf berstend hellem Holz
der zaunbegrenzten Weite zu.

Die Ewigkeit glänzt dir zur Rechten;
Von links, vom Hafen, eilst Du bald dort hin
zu spähen nach den langersehnten Welten
die hinter grünen Wellen sind.

Und flaschengrün wallt unter dir die Flut;
Das Wasser bricht an Steinen – endlich langsam,
und schon verborgner Sonne Licht
bricht rot durch kalter Lüfte Dunst.

Von Ewigkeit will hier mein Mund dir sagen,
doch schließt du ihn mit Gunst zum Schweigen zu;
„Es gibt nichts Größres als das Meer!“
Gesagt hast das – am Anfang – Du.

Morgen werde ich Gelegenheit haben, mich auf das Wasser der Spree zu begeben. Wie jeden Montag fahre ich mit der Fähre F11 zum Einsatz nach Karlshorst im Bezirk Lichtenberg. Und ich werde an KB denken. In zart bitterer Dankbarkeit.

4 Antworten auf „Vergängliche Wegstrecken“

  1. Ist nicht jeder Weg, den wir zurücklegen so etwas wie eine vergängliche Wegstrecke. Was wäre, wenn es kein „Vergehen“ gäbe? Das erschreckt mich. Mehr als ich sagen kann. Ich denke, dass alles was von außen kommt, gefiltert werden sollte: in ein Drinnen (Annehmen) und ein Draußen (Abgeben). Stell dir vor, du würdest nichts abgeben? Wie sähe es in dir aus?
    Und mal ehrlich…. Ist es nicht auch bereichernd Erfahrungen wieder zu entdecken, von denen man glaubte, sie nach draussen abgegeben zu haben?

    1. Natürlich, alle Wege sind vergänglich. Und Gott sei Dank sind wir so geartet, dass wir von Anfang an eigene Wege suchen. Vergänglich heißt eben nicht vergeblich, das sind zwei Paar Stiefel – die man sich in der Regel nicht gemischt anzieht. Und wenn es doch mal passiert, na gut. Liebe Grüße und schönen Dank für deinen Kommentar, @ggb. I know you by your name. 😉

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