Ein Eierkorb für Emmaus

Und keiner wollte ihn. Was Emmaus außer Bio-Ostereiern verpasst hat, erfahrt Ihr heute im Lautwert-Blog.

Kürzlich las ich, dass nur noch etwa vier Prozent der Deutschen wissen, was es mit Ostern auf sich hat. Auch wenn ich diese knauserige Schätzung in Zweifel ziehe, zumal sie ohne Quellenangabe daherkam – für die Emmaus-Geschichte könnte sie stimmen.

Emmaus, was ist das? Erst einmal ein Ort in Israel, nur in einem der vier allgemein anerkannten Evangelien erwähnt (bei Lukas im Kapitel 24), dafür ziemlich eindrücklich.
Es geht um die Wanderung von zwei entmutigten Jesus-Jüngern. Die Jünger kommen von Jerusalem, wo Jesus kurz zuvor gekreuzigt wurde, und gehen zu Fuß in die etwa elfeinhalb Kilometer entfernte Ortschaft. Wohin sie genau gelaufen sind, ist nicht bekannt.
Das Lukas-Evangelium legt auf den Ort auch keinen Wert, dafür geht es vor allem um einen geheimnisvollen „Dritten Mann“ (nein, Orson Welles hat ihn nie gespielt), der die beiden Wanderer auf dem Weg anspricht, mit ihnen das Abendessen einläutet und dann plötzlich verschwunden ist. Aber die zwei Jesus-Jünger sind sich sicher, den auferstandenen Meister gesehen zu haben und kehren sofort um nach Jerusalem. Sind ja nur 11,5 Kilometer. Leicht zu schaffen, hopp…

Auf diesen insgesamt 23 Kilometern Wanderweg fußt (hihi) der katholische Brauch, am Ostermontag einen Spaziergang zu machen, nachdem man idealerweise vormittags eine Heilige Messe besucht hat.
Heute, am zweiten Ostertag 2018, war der Gottesdienst für mich verpflichtend, weil ich die Orgel in St. Anna zu spielen hatte.

St. Anna Berlin Treptow, Blick von der Orgelempore
St. Anna Berlin Treptow, Blick von der Orgelempore

Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps, und diese Art von Dienst ist mir lieber als jedes Getränk mit Umdrehungen. Was nicht heißt, dass ich nicht für alle Fälle vorbereitet war. Katholischer Kirchenmusiker eben, aber dazu später.

Nach dem Gottesdienst war ein gemeinsamer Emmaus-Gang der Festgemeinde mit anschließendem Picknick angesetzt. Zu letzterem sollte jeder beisteuern, was von der sonntäglichen Festtafel übrig geblieben war. In meinem Fall waren das neun Ostereier und etwas getreidefreies Osterbrot. Leicht verderbliche Speisen wie den vorzüglichen Parma-Schinken, ließ ich zu Hause im Kühlschrank.
Nach dem Orgel-Dienst hatte ich noch etwas aufzuräumen. Leider Zeit genug für die Emmaus-Wanderer, spurlos zu verschwinden. Ich folgte ihrem mutmaßlichen Kurs, bekam sie aber nicht zu sehen. Was nun?

Kaplan del Cid, der die Messe in St. Anna gehalten hatte, sprach am Ende des Gottesdienstes aus, worum es bei diesem schönen Brauch des Emmaus-Weges gehe: Alle Sinne darauf auszurichten, wer einem begegne. Vielleicht sei es ja…
Nicht-Christen erscheint das sicher wie ein Märchen, vielleicht wenigstens als ein nettes. Uns als Christ-Gläubige berührt der Gedanke vom uns unverhofft begegnenden Jesus von Nazareth anders, weil der ausdrücklich in einem Gleichnis (Mt. 25, 4) darauf hingewiesen hat, dass wir ihm in praktisch jedem Menschen begegnen können. Vor allem in solchen Leuten, die von anderen gemieden und verachtet werden.
Also, wenn die lieben Nordneuköllner Katholiken vor mir weglaufen, mich also „meiden“ (bitte nicht zu ernst nehmen 😉 ), dann kehre ich den Spieß um und suche nach Leuten, denen ich mit meinen Osterspeisen eine Freude machen kann. Ostereier auf Emmaus-Fahrt.

Nun gibt es in der Metropole Berlin jede Menge Leute, die regelmäßig um etwas zu Essen und um Kleingeld bitten. Als Neuköllner Bürger, der ich seit gut fünf Jahren bin, kenne ich Stellen, wo diese Menschen ihre Schlafplätze prominent aufschlagen. Und in der S-Bahn, die ich täglich benutze, trifft man eigentlich immer Motz-Verkäufer und sammelnde Musikanten an.
Ich wanderte eine Route zur nächsten S-Bahn-Station, auf der normalerweise mindestens zwei Bettler ihre Stammplätze haben. Heute, am Ostermontag, war niemand zu Hause. In der S-Bahn selbst ebenfalls Fehlanzeige. Auf der Hermannstraße bis hin zum Hermannplatz – wirklich kein Luxusviertel – alles leergefegt. Ein einziger Mann saß einigermaßen benebelt auf einer Parkbank. Vor sich eine leere Vormittagsbier-Flasche, aber sonst nichts, keine Mütze, kein Kaffeebecher oder sonstiges. Kein Kleingeld- oder Speisespenden-Sammler also.

Und ich hatte nach wie vor neun selbstgefärbte Bio-Ostereier dabei, die ich so gern mit jemandem teilen wollte! Sogar Besteck und Servietten für zwei hatte ich.
Ziemlich geknickt kehrte ich in einem Café an der Ecke Hermannstraße / Flughafenstraße ein. Wie durch ein Wunder war jetzt exakt um 12 Uhr mittags ein Tisch frei. Meine Brille beschlug sofort als ich eintrat, aber ich sah noch diesen Tisch und auf der Tafel, dass es im Café „Two Planets“ meinen Lieblingskaffee gab. Quasi im Blindflug fand ich meinen Platz, stellte vorsichtig mein Emmaus-Gepäck in die Ecke und wartete auf den bestellten Flat White. Mhhhh… lecker.

Vom Nebentisch hörte ich zwei junge Männer eine Sprache sprechen, die ich nicht so recht einordnen konnte. Manches klang französisch, anderes arabisch, einiges deutsch. Nun gut, Babylon eben, auch Berlin genannt. (Ich liebe meine Nach-wie-vor-Traumstadt Berlin unter anderem genau deswegen!)
Als wenig später eine blutjunge Frau mit ihrem Kleinen zu den beiden Männern stieß, wusste ich, dass ich tatsächlich in Emmaus angekommen war. Die junge Mama sprach glockenreines Ivrith, Neuhebräisch also. So klar, dass ich nicht nur einzelne Worte erkannte, sondern mehrere Passagen auch verstand. Die beiden jungen Männer hatten offensichtlich einen für mich unbekannten Dialekt oder Akzent gesprochen. Wahrscheinlich wäre es im Café nicht gut angekommen, wenn ich meine Ostereier ausgepackt hätte, aber Lust hatte ich schon auf eine solche Aktion Le jom tow, chaverim!

Statt mir ein interplanetares Hausverbot im Two Planets einzuhandeln, plante ich lieber einen Emmaus-Rückweg über ein noch ergiebigeres Jäger-und-Sammler-Revier: Karl-Marx-Straße und Sonnenallee.
Was soll ich sagen. Natürlich waren beide nicht menschenleer. Aber ich traf keinen einzigen Bettler. Keinen einzigen!

Als ich eine halbe Stunde später im Neuköllner Schulenburg-Park eintraf, blickte ich über die Wiese, die bei den ersten Sonnenstrahlen der Saison von picknick-machenden Großfamilien bevölkert wird. Will vielleicht jemand…
Nö. Auch nicht, als ich den Osterkorb zum Fotografieren auf die Wiese stellte. Dafür hatte ich inzwischen mächtigen Hunger bekommen. Zehn Minuten später war ich zu Hause, sozusagen wieder in meinem privaten Jerusalem, von dem aus ich am Morgen aufgebrochen war.
Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen, beziehungsweise die geheimnisvoll schwarze Organistentasche auszupacken. Tja, ihr Leute von Emmaus, Ihr habt was verpasst. Katholische Kirchenmusiker verstehen zu feiern. Le chaim! Zu Deutsch: Auf das Leben. Und außerdem auf Den, der uns liebt.

Organistentaschen-Inhalt
Organistentaschen-Inhalt entpackt

Eine Antwort auf „Ein Eierkorb für Emmaus“

  1. Sicher ein Emmaus-Gang der besonderen Art. Nun weiß man ja nicht, ob die öfter erwähnten Berliner Bettler auch Eier-Fans sind.
    Uns Neu-Lüneburgern haben die Ostereier geschmeckt, auch wenn die Anzahl etwas auf dem Sinkflug ist, gemessen an früheren Osterzeiten.
    Mein Emmaus-Gottesdienst war sehr nachhaltig und mit mir lauschten viele Gottesdienst-Besucher der inhaltlich sehr guten Predigt von Dechant Carsten Menges.
    Es kommt, nicht nur zu Ostern, darauf an, als Christ erkennbar zu sein, auch wenn es nicht immer leicht ist, diesen Weg zu gehen.

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