Kipoth schalom

In Berlin zeigte sich zuletzt Antisemitismus in schlimmster Form. Wegen arbeitsrechtlicher Vorschriften durfte ich mich nicht an der Solidaritäts-Aktion „Berlin trägt Kippa“ beteiligen. Jetzt habe ich Feierabend und möchte privat ein paar Gedankentakte zu der Aktion beisteuern.

Vom Herbst 1994 bis zum Sommer des Folgejahres lebte ich in Odessa bei einer jüdisch geprägten Familie. Beide Familiennamen des Hauswirts – der amtliche und der wirkliche – verwiesen darauf, dass seine Vorfahren mosaischen Glaubens gewesen waren. Seine Frau, die unvergessene Valentina Petrovna, hatte als junges Mädchen für ein wohlhabende jüdische Familie gearbeitet. In deren Küche hatte sie Kochen gelernt und Valentina Petrovna war es, die mir die traditionelle Zubereitung von „Gefilte Fisch“ beibrachte.

Irgendwie passte das. War ich doch nach Odessa gekommen, um über zwei lebende Autoren zu forschen, die Gedichte in jiddischer Sprache schrieben. Der eine davon lebt noch, schreibt aber heute nur noch Russisch.
Religiös zeigten sich damals beide Schriftsteller nicht. Beide unterhielten zwar eine lockere Beziehung zu einer Kultus-Gemeinde, sahen sich aber als Freigeister mit sowjetischer Sozialisation. Aber nischt dos bin ich ojßen.

Die letzten sechs Wörter sind eine Redewendung, die aus der klassischen jiddischen Literatur stammt. „Aber nicht davon wollte ich reden“ bedeutet das. Mit der Erwähnung der jiddischen Klassik habe ich mich einmal nach Meinung eines Regensburger des Antisemitismus verdächtig gemacht: „Warum” meinte er empört, „sprichst du immer von ‚jiddisch‘? Warum sagst du nicht ‚jüdisch‘, sondern machst dich über eine religiöse Gruppe lustig?“

Es kostete mich einige Zeit und ziemlich viel Mühe, den guten Mann aufzuklären. Darüber, dass Jiddisch die Alltagssprache vieler europäischer Juden vom Mittelalter bis zum deutschen Massenmord war. Und dass Strenggläubige in den USA und Israel nach wie vor an dieser Sprache festhalten, weil ihnen Hebräisch als heilige Sprache gilt, die nur in der Gemeindeversammlung gesprochen werden darf.
In Odessa habe ich selbst angefangen, die heutige Version der laschon kodesch (Heilige Sprache), das in Israel gebrauchte Ivrith zu lernen. Im Sprachkurs war ich der einzige Nicht-Jude. Und ich war gleichzeitig der einzige, der wusste, was es mit Kaschrúth und Schabáth auf sich hat.

Der Sprachkurs fand im Jüdischen Kulturzentrum statt. Dort trafen sich mehrere Clubs, für Auswanderer gab es Beratungsstunden. Die bekannte jüdische Kopfbedeckung, die Kippa, sah man damals extrem selten. Die beiden Rabbiner mieden das Kulturzentrum. Es war ihnen zu weltlich. Mein Verständnis hatte sie, was hätten sie von der oben erwähnten Sprachlerngruppe denken müssen? Ein einziger, ein Goj zumal, will nicht nach Erez übersiedeln und nur er kennt ein paar Grundregeln.
Den einen der beiden Rabbiner bat ich einmal um ein Gespräch, in dem es um Jiddisch gehen sollte. Ich hatte erfahren, dass er diese Sprache in Israel gelernt hatte. Der chassidische Geistliche verweigerte Treffen und Interview. Mit einem Andersgläubigen wollte er nicht über jüdisches Leben sprechen. Schade fand ich das damals, akzeptierte aber Rabbi Giessers Standpunkt. Wer nicht dazugehört, gehört eben nicht dazu, mag er sich auch noch so dafür interessieren.

Jetzt der Sprung in die Gegenwart, in der es für mich wieder um Dazu- und Zusammengehören geht. In Berlin wird ein junges Mädchen von Mitschülern mit dem Tode bedroht, weil sie Jüdin ist. Männer werden angegriffen, weil sie ein Kippa tragen. Und dieser Antisemitismus, der durch nichts – gar nichts! – tolerabel wäre, ist nach meiner Einschätzung nur die Spitze eines riesigen Eisbergs.
Ob die Aktion „Berlin trägt Kippa“ etwas von diesem Eisberg abschmilzt? Ich fürchte nicht, so gut ich die Idee und den Aufruf immer noch finde. Solidarität tut wirklich not. Aber Wissen auch. Aufklärung sozusagen. Nur wenn wir es schaffen, Halbwissen durch Erfahrung und persönlichen Austausch zu ersetzen, kommen wir dem Ziel einer sich verständigenden Gesellschaft näher. Die Solidaritätsaktion vom 25. April 2018 kann ein guter Anfang gewesen sein. Ideen für die nächsten Schritte? Ab in die Kommentare! Ich freue mich auf eure Statements, die euch den Laut wert sind.

2 Antworten auf „Kipoth schalom“

  1. Wer hören kann, der höre.Ich wünsche mir eine positive Offenheit für den Glauben und die Lebensart anderer Menschen und Kulturen und zwar von allen ca. 7.3 Milliarden Menschen, Kinder einmal ausgenommen.
    Denn, wie oft im TV zu sehen, flimmert der „informative“ Bildschirm in allen Häusern, Wohnungen, Hütten und Zelten dieser Welt.
    Die Internet-Möglichkeiten kommen noch dazu.

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