Krieg und Frieden in Dorfen

Erstmals habe ich Fb-Freunden die Wahl des Themas für mein Blog gelassen. War es ein Fehler?

1985 wurde ich selbst vor eine Wahl gestellt. Es ging freilich nicht um ein Blogpost-Thema – wer hätte sich damals schon etwas darunter vorstellen können?
Vielmehr ging es um eine Weichenstellung. Und die Wahl, vor der ich stand, hatte Ähnlichkeit mit einer russischen Präsidentschaftswahl anno 2018. Die sich damals so noch niemand vorstellen konnte: Mit Beifall von einem Ex-Kanzler und herzlicher Unterstützung eines orthodoxen Patriarchen für einen ehemaligen Geheimdienst-Mitarbeiter…

Alle Familienmitglieder wussten Bescheid. Alle außer mir.
Mein Vater hatte beschlossen, sein berufliches Glück im Süden neu zu suchen und zu finden. Meine Mutter war einverstanden, ebenso mein jüngerer Bruder. Schließlich fand er Bayern München ganz toll.

Ich hielt nichts von Fußball, genau wie heute. Ich hatte keine Angst vor dem bayerischen Dialekt. Zwei Jahre vor dem Abitur mal eben das Bundesland zu wechseln, erschien mir trotzdem schlicht irrsinnig.
Mein Lieblingslehrer wurde auf mich angesetzt. Er sollte mich davon überzeugen, dass ein Umzug nach Oberbayern gar nicht so schlecht für mich sei. Axel Lischewski (1948 – 2016) behielt Recht mit seinem Plädoyer. Einfach war es aber nicht, in Oberbayern schultechnisch zu überleben.

Gymnasien-Wahl 1986
Quelle: OpenStreetMap
Mein Bruder und ich hatte die freie und voneinander unabgängige Wahl: Das altsprachliche Gymnasium in Gars am Inn oder das neusprachlich-naturwissenschaftliche Gymnasium in Dorfen, einer kleinen am Fluss Isen gelegenen Stadt.
Wir entschieden uns beide für Dorfen. Rückblickend eine gute Wahl, jedenfalls für mich. (Mein Bruder hat ein natürliches Recht auf seine eigene Meinung und Einschätzung.) – Zwar hatte ich die Schläge eines mathematischen Narrenhammers auszuhalten und ein Glied des Lehrkörpers kratz(er)te an meinem Selbstbewusstsein. Ungeachtet dieser kleinen persönlichen Rumpeltouren, blieben mir dramatische Ereignisse aber weitgehend erspart. Bis zum 4. März 1988.

In diesem Frühjahr hatten wir von der JG 13 den Oberstufenaufenthaltsraum in Beschlag genommen. Ich kann mich noch genau an das Licht in eben diesem Raum erinnern – als über ein dahindudelndes Radio die Nachricht wie eine Bombe einschlug.
Ich meine mich zu erinnern, dass wir uns kurz zuvor über die zahlreichen Martinshörner und Polizei-Wagen auf der nahe gelegenen Erdinger Straße gewundert hatten. Wahrscheinlich ist diese Erinnerung richtig, denn vom Gymnasium ist die Dorfener Polizeiinspektion nur wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt. Und eben in dieser Polizeiinspektion hatte gerade eine Schießerei stattgefunden, bei der drei Polizisten und der Attentäter ums Leben kamen. Einen umfassenden Bericht über diese Tragödie findet sich in einem Artikel im Online-Archiv der Süddeutschen Zeitung.

Ich ging in Dorfen zur Schule, wohnte aber nicht dort. Deswegen kamen mir die späteren Ereignisse, etwa der Bankraub „…aus Rache für die Polizisten…“, nur indirekt zu Ohren.
Das galt auch für eine angeblich zutiefst ausländerfeindliche Rede, die Dr. Peter Gauweiler bei einem Wahlkampfauftritt gehalten haben soll. Ich war nicht dabei, aber Dr. Gauweiler galt damals nicht gerade als zurückhaltender Gentleman. Schon eher als original bayerisches Großkaliber im Arsenal von FJS. Neben dem Blonden Fallbeil, später besser bekannt als „Flughafen-Ede“ Stoiber.

Ja, ihr jungen Seelen, das waren wüste Zeiten. Ganz ohne Youtube, W-T-App und Fratzenbuch bekamen wir unser Diskussions-Fett ab. Von dem wir uns ernährten, denn wir diskutierten gerne. Außer, wenn uns Katastrophen wie das Attentat von Dorfen den Atem nahmen.
Heute ist das Diskutieren etwas aus der Mode, schroffes Verlautbaren dafür kinderleicht und schwer angesagt. Ein paar Tasten auf dem Smartphone gedrückt, und schon ist die eigene Empörung in die Welt gepostet. Mit Nachdruck und gerne auch mal viral.

Als ich meinen Facebook-Followern die Frage stellte „Welches Thema soll ich behandeln?“, antwortete als erster ein Sozialdemokrat und Christ, auf dessen Meinung ich sehr viel Wert lege. Er schrieb:

Thema: Soll man auf jeden Zug aufspringen, den Söder und andere Lautsprecher abschicken?

Mein Blog heißt „Lautwert.de“ und ich schrecke weder vor leisen noch vor lauten Tönen zurück. Zur plump-durchsichtigen Söder-Aktion war einen Tag nach dem bajuwarischen Fanfaren-Stoß alles an nötiger Reaktion gekommen. Was soll ich dazu sagen? Es ist Wahlkampf in Bayern. Wer erwartet da von den amtierenden Volksvertretern sensible Aktivitäten und durchdachte Vorschläge?

In meinen knapp 30 Jahren, die ich südlich der Donau verbrachte, durfte ich eine andere Seite der bayerischen Seele kennenlernen. Die kann sich nämlich sehr gut leise artikulieren. Wer davon eine Kostprobe mag, kann sich den wunderschönen Film „Beste Zeit“ von Marcus H. Rosenmüller ansehen. Der Film ist 2007 gedreht worden, trotzdem muss ich bei einigen Szenen mächtig an meine Zeit Ende der 80er Jahre in Dorfen denken.
In dieser Coming-of-Age-Tragikomödie geht es um Freundschaft und Weltoffenheit. Zwei wunderschöne und lebensprägende Ansätze, die sich zeitweise harmonisch ergänzen und dann scharf auseinanderstreben können.

Ich lebe heute in einer weltoffenen Stadt par excellence, meiner Traumstadt Berlin, und freue mich an tiefen Freundschaften.
Das Foto, das über diesem Blog-Post steht, entstand 2011 während einer Zugfahrt kurz hinter Dorfen. Da war vom Umzug nach Berlin noch keine Rede, obwohl mich keine Freundschaften an den Münchener Osten banden. Ich verlor nichts, indem ich nach Berlin zog.
Trotzdem: Manchmal vermisse ich diese friedvolle Dorfener Abendstimmung, die sich in der Ringbahn nicht einstellen mag. Als lautestestes Geräusch das ruhige Klappern, wenn der Zug über einen Schienenstoß fährt. Sonst nichts.

Etwas von dieser Sehnsucht klingt im achten Stück meines Klavier-Albums „The New Black Tape“ von 2011 an. Wer mag, kann es anhören und versuchen, vom leisen Leben zu träumen.

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