Ein Ton zur rechten Zeit

Arm wie eine Kirchenmaus – eine Redewendung zum Augenzwinkern? Heute in unseren Breiten sicherlich. Aber es war mal anders und damals ging es ums Überleben.
Ein paar Gedanken zu etwas Heutigem mit Blick auf den Münchener Organisten Josef Schmid (1868 – 1945), der im ersten Nachkriegs-Juli verhungerte.

Josef Schmid war eine hohe musikalische Hausnummer seiner Zeit. Er studierte bei bis heute namhaften Musikern wie J. Rheinberger und schrieb an die 400 Werke in unterschiedlichsten Genres.
Als Organist und Chorleiter wirkte er in seiner Heimatstadt München über 43 Jahre. Als der Münchener Dom „Zu unserer lieben Frau“ 1944 mit seiner gerade acht Jahre alten Orgel zerstört wurde, endete Schmids Organisten-Amt. Er starb am 10. Juli 1945 auf elende Weise. Er verhungerte.

Ich bin Kirchenmusiker aus Leidenschaft, wenn auch ohne jede Virtuosität und frei von künstlerischem Anspruch. Für mich sind Orgelspiel und mittlerweile auch etwas Kantoren-Einsatz in erster Linie Dienst. Ein Dienst, der mir sehr viel Freude bereitet und der seinen Lohn in sich selbst trägt. Dass mir das Erzbistum Berlin eine gewisse finanzielle Honorierung in Aussicht gestellt hat, ist ein willkommenes Zusatz-Geschenk, aber nicht mehr. Um von Musik leben zu können, bin ich beileibe nicht gut genug. Als Instrumentalist bin ich ein Spätberufener. Erst mit 10 Jahren fing ich an, Klavier zu lernen. Für Hobby-Musiker ist das früh genug, für Profis nicht. Abgesehen davon, dass ich zu keinem Zeitpunkt als einzelner mehr als eine Stunde am Stück geübt habe.

Richtig gute Musiker wissen: Ohne Übungs-Schweiß kein Ehren-Preis. Und wer von der Kunst leben will, muss namentliche Ehrungen sammeln, sonst wird es nichts mit dem Traumhonorar. „Was verdient man denn so?“ las ich einmal auf der Seite 2 einer Speisenkarte in einem Straßencafé auf La Gomera. Der Chef war ein Deutscher und seine Gäste stammten zu einem ordentlichen Teil aus demselben Kartenfleck. Seine Antwort unter der zitierten Frage ließ mich auflachen und ich habe mir die Worte genau gemerkt: „Och, eine ganze Menge. Meist mehr, als man bekommt.“

Wie gesagt, ich betrachte meine Einsätze an Manualen, Pedal und Registerzügen als Dienst mit eingebauter Belohnung. Dass ein großer Künstler, der sich als Kirchenmusiker bestimmt ähnlich sah, wie Josef Schmid nach Kriegsende verhungerte, gibt mir trotzdem zu denken.

Denn ehrlich gesagt: Wenn ein Mensch auf diese Weise zugrunde geht, sagt das offenbar nichts über seine Ambitionen oder Gaben inklusive Dienstverständnis aus. Es zeugt davon, was Andere auf ihn geben. Auch solche, die zuvor seine Dienste in Anspruch genommen haben.
Nun mag man einwenden, eine Extremsituation wie damals nach dem 2. Weltkrieg, in einer zerbombten Großstadt mit abertausenden Toten auf den Straßen und in den Trümmern, so etwas sei heute nicht in Sicht. Stimmt auf den ersten Blick. Aber nur auf den.

Es braucht keine Katastrophen, um in Menschenmengen das hervorzurufen, das Josef Schmid womöglich umgebracht hat: Gleichgültigkeit.

Als ich heute meinen Orgeldienst an der Kirche St. Richard in Berlin Rixdorf (Bezirk und Stadtteil Neukölln, die Keimzelle von beiden) beendet und mir noch meinen After-Show-Kaffee gegönnt hatte, lief ich durch einsetzenden Regen nach Hause über die Sonnenallee. Am Wegesrand fiel mir eine auf dem Gras liegende Hose auf. Dass hier Kleidungsstücke hingeworfen werden, ist nicht ungewöhnlich. Deswegen wollte ich schon weitergehen. Dann aber sah ich, dass an die Hose ein Pullover anschloss und an den wiederum ein Haarschopf. Soll heißen: Da lag jemand bäuchlings auf der Erde.

Auch das ist in Neukölln nichts Ungewöhnliches. Dass jemand am Sonntag-Mittag noch seinen Rausch unter freiem Himmel ausschläft, ist ganz normal. Und wehe, man versucht so jemandem zu helfen, das kann ganz schnell ins Auge gehen, buchstäblich.

In diesem Fall machte ich aber nach ein paar Metern doch auf dem Absatz kehrt. Erst einmal versuchte ich, den Mann anzusprechen. Als er überhaupt nicht reagierte, stupste ich ihn zweimal vorsichtig an der Schulter an und sprach lauter. Wieder keine Reaktion, nicht die geringste Bewegung. Ich zückte schon das Smartphone um die 112 zu wählen, da bewegte er sich doch. Der Mann wachte offensichtlich auf, denn er hob den Kopf an. Mir wurde es zu gefährlich, denn ich habe Leute in ähnlicher Lage schon als sehr aggressiv erlebt.

Ich bin mir ziemlich sicher, mich in dieser Situation suboptimal verhalten zu haben. Wahrscheinlich wäre es korrekt gewesen, den Notruf abzusetzen und abzuwarten, was der / die Profi mir sagt. Gegebenenfalls vor Ort zu bleiben, in sicherem Abstand zum Berauschten, bis Hilfe eintrifft.
Hätte ich Anzeichen einer Verletzung oder mögliche Gefahren für den Mann bemerkt oder hätte er mich in irgendeiner Form um Hilfe gebeten, hätte ich selbstverständlich dieses Programm durchgezogen, es wäre nicht das erste Mal gewesen.

Was mich aber noch mehr kratzt als meine eigene Unentschiedenheit, war die oben benannte Gleichgültigkeit anderer Passanten. Denn es gab sie, diejenigen die wort- und reaktionslos vorübergingen.
Ich musste an zwei Situationen denken, in denen ich selbst in Not geriet und mir niemand auch nur im Ansatz half, obwohl reichlich Menschen Zeugen meines Unfalls wurden. Der erste Unfall ereignete sich auf der Steinernen Brücke in Regensburg, der zweite auf der Arnulfstraße in München. Beide male schrie ich vor Schmerz und ging zu Boden. Beide male schleppte ich mich mehrere Hundert Meter jammernd nach Hause, auch hier jeweils keine besorgte Nachfrage.

Zu den von mir am meisten geschätzten Qualitäten der oft wahrhaft rauen Stadt Berlin gehört, dass hier immer jemand hilft, wenn es wirklich drauf ankommt. Vor ein paar Tagen knickte ich um, es tat höllisch weh und es ging eine Etage abwärts. Auf die Knie. Sofort sprach mich ein junger Mann an. An der Sprache als „Bürger mit Migrations-Hintergrund“ zu erkennen. „Kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen gut?“ – Mir ging es nicht berauschend, aber es war alles heil geblieben. Gott sei Dank. Und auch bei dem hilfsbereiten Menschen habe ich mich bedankt.

Vielleicht konnten die anderen Passanten heute Mittag die Situation einfach besser einschätzen als ich. Vielleicht kannten sie den Mann – wie gesagt: An Alkohol- und sonstwie Abhängigen herrscht an der Sonnenallee kein Mangel. Aber wirklich beruhigend finde ich eben dieses nicht. Wie sähe es aus, wenn das Elend flächendeckend lebensbedrohlich wäre? So wie damals, Wochen und Monate nach dem Krieg.

Im Krieg, so stelle ich mir vor, wird alles in den Dienst von Vernichtungswillen und Angst gestellt. Wie sich Kirchenmusiker in den beiden großen Angriffskriegen des 20. Jahrhunderts zu diesem Anspruch verhalten haben, verdient eine Untersuchung. Aber nicht in einem einzelnen Blog. Auf das, was gerade in Chemnitz abgeht, würde ich gerne nicht zu sprechen kommen müssen. Aber ich fürchte, diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende und wir werden Ähnliches in anderen Ecken Deutschlands erleben. Vielleicht auch in Gegenden, wo man auf kirchliche Stimmen mehr gibt als in Sachsen.
Kirche und Kirchenmusik haben aus meiner Sicht nur einen Dienstherren aber daneben mehrere Nutznießer. Der Musiker oder die Musikerin ist der eine Nutznießer, die feiernde Gemeinde stellt zahlreiche weitere. Der Dienstherr ist nach meinem Verständnis nicht der Pfarrer. 😉 Wie bei einem Orchesterstück der Dirigent zwar den Takt und die stilistische Richtung vorgibt, aber nicht die höchste Instanz ist. Die oberste Instanz ist meistens schon länger unter der Erde, hat aber glücklicherweise Noten zurückgelassen.

So auch der Komponist Josef Schmid. Ende 2018 soll eine CD mit Live-Mitschnitten ausgewählter Werke aus dem Münchner Liebfrauen-Dom (aka Frauenkirche) herauskommen. So kommt das kompositorische Schaffen des so elend zugrunde gegangenen Kirchenmusikers an unsere Ohren. Ich glaube fest daran, dass sein Dienstherr nicht auf CDs warten muss, um sich an Schmids Orgeltöne zu erinnern. ER war dabei, als Josef Schmid selbst in die Tasten schlug. In Bayern (und nicht nur da) sagt man zum Dank für Unbezahlbares „Vergelt’s Gott“. In diesem Sinne: Vergelt’s Gott, Josef Schmid. Und ein Danke von Herzen.

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