Die V-Frage

Wie alle Fragen im Deutschen beginnt auch sie mit einem „W“. Wie ich sie stelle und versuchsweise beantworte, steht heute im Lautwert-Blog.

Wie kann ich als Wahl-Berliner nicht vegan werden? Wie kann ich meinen Verzehr tierischer Lebensmittel verantworten?
Die V-Frage ist mindestens eine doppelte. Was bereits ihre Komplexität andeutet. Nicht wenige Veganer und Veganerinnen betonen gerne, dass der Verzicht auf alle Lebensmittel und sonstigen Güter, derenVerfügbarkeit auf tierischen Quellen beruht, unglaublich einfach sei – sowohl in der Ausübung als eben auch und gerade in der Begründung. Tierleid lasse sich am besten vermeiden, wenn wir auf Tierhaltung komplett verzichteten. Dass sich Leid und Tod von fühlenden Lebewesen nicht komplett aus der Welt schaffen lassen, wissen aktive Tierschützer. Schließlich ist das Tier-Reich von Fressfeindschaften geprägt. Ich bin mir sicher, dass der allergrößte Teil (sozusagen der Löwenanteil) der bekennend vegan lebenden Menschen nicht versuchen wird, vierbeinige und bezahnte Gefährten auf rein pflanzliche Ernährung hin zu trimmen. Vegane sind nicht dumm. Das kann ich mindestens von denen sagen, die ich persönlich kenne. Bei denen stehen Achtsamkeit und reifes Selbstverständnis hinter ihrer Lebenseinstellung, die bei Körperpflege und Kleidung anfängt, um bei der Ernährung die größte Spannbreite zu entfalten.

Als ich vor gut sechseinhalb Jahren einen an’s Eingemachte gehenden Wandel vollzog, war mir von Anfang an klar, dass auf dem Gebiet der Ernährung die schmerzhaftesten Änderungen anstehen würden. Eine Bekannte mokierte sich (freundlich ausgedrückt) darüber, dass bei mir alles nur noch ums Kochen und Genießen kreiste. Der Fairness halber muss ich dazu sagen, dass die Tuchfühlung seinerzeit zu 100% über mein Lautwert-Blog lief. Und das war zu keinem Zeitpunkt ein Ganzkörper-Spiegel meiner Existenz. Aber im Spiegel zeigte sich das Resultat meiner umfassenden Lebensumstellungdurchaus besonders deutlich. Wie es ein Gastfreund unnachahmlich auf den Punkt brachte, als er mich nach mehr als einem Jahr und etwa drei Monate nach meiner Ernährungsumstellung traf: „Ok, da bist du. Und wo ist deine andere Hälfte?“ Ich war damals solo. Nur um das klar zu stellen. 😉

Nur wer sich wandelt…

Ich hatte die 21-Tage-Transformation nach Mark Sisson nicht in erster Linie begonnen, um meine Fettleibigkeit los zu werden. Dass sich das über Jahrezehnte als unbesiegbar erachtete Problem nebenbei auflöste, tja, das war nett.
Ich bin mir heute sicher, ein Wechsel zur veganen Ernährung hätte damals eine ähnliche Verbesserung bewirkt. Ohne Biologe zu sein, meine ich, ein Muster erkannt zu haben: Forder deinen Organismus heraus, zwing ihn, sich anzupassen, und du bekommst ein  Ergebnis, das du nie für möglich gehalten hättest. Vor der Umstellung aß und trank ich alles, was mir vor die Augen kam und mir schmeckte, unabhängig vom vermeintlichen Nährwert. Bei der Umstellung waren die Tage 2 bis 4 schwer. So war es vorhergesagt, so trat es ein. Auch, dass es danach mit der Laune steil bergauf ging und mit dem Gewicht in Schussfahrt bergab. Von Frutariern und Veganen sind mir ähnliche Erweckungsgeschichten bekannt.

Zum primalen Konzept, das ich seit dem 1. Januar 2012 praktiziere, gehört die ständige Herausforderung des Organismus inklusive Mentalsystem. Wir Menschen sind weder besonders beißfertig, noch stark oder schnell unterwegs. Über unser Gebiss kann jeder Fuchs nur müde lächeln und was ein halbwüchsiger Schimpanse von Schwarzeneggers Bizeps zu besten Bodybuilder-Zeiten hält, hm, reden wir besser nicht drüber, Arnie. Auch beim Weglaufen vor einer wütenden Wildschweinmama hätten die wohlgeformten Beinmuskeln dem späteren Gouvernor nicht wirklich geholfen. Schlitz-schlitz-bumm (Aufschlag).
Was wir dagegen jeder anderen Art voraus haben: Wir können uns wahnsinnig gut anpassen. Natürlich, ein paar Exemplare werden drauf gehen, wenn wir etwa eine Eiswüste erobern. Wie viele Vorfahren der Inuit haben wohl in’s nicht vorhandene Gras gebissen, bevor die ersten Robben gefunden und gefangen waren?

Der Fänger im Eis, nicht im Roggen

Nun haben naturnah lebende Inuit keine Wahl. Vegan leben können sie nicht, ihre Umgebung gibt nichts Pflanzliches her. Vielleicht Algen, aber die kommen bestimmt nicht einfach so am Eisloch vorbeigeschwommen.

Was für die Tiere bewusst tötenden Ureinwohner des nördlichen Polarkreises aber auch nicht in Frage kommt: Tiere halten.
Eine Robbe wird sich schön bedanken, wenn mensch sie einzäunen will. Ihr einen Wassernapf hinstellt. Toter Fisch gefällig? (Robbe so: „Ich glaub, es hackt. Nicht nur ins Eis.“)

Ob es mir nun passt oder nicht: Nutztierhaltung ist vielleicht menschlich – im wortwörtlichen Sinn. Naturgegeben ist sie nicht.
Unsere altsteinzeitlichen Vorfahren, auf die sich die Paleo-Community bei jeder Gelegenheit beruft, dürften in erster Linie ihre Fleischmahlzeiten per Jagd gewonnen haben. (Jagd ist ein eigenes Thema, über das ich später bloggen werde.)
Als „primal guy“ nach Sisson-Art kokettiere ich gerne mit dem Dasein als Jäger und Sammler. Aber mal ehrlich: Es ist zu annähernd 100 Prozent gesammelt, wasdurch meinen Schlund fährt. Die „Jagd“ überlasse ich im besten Fall Vieh-Bauern, die sich Mühe geben, ihre Tiere so schonend wie möglich zu behandeln und ihnen im Prozess der Schlachtung jedes Leid zu ersparen. Ich weiß von Jägern, Biologen und selbstschlachtenden Bauern, wie man ein Tier ohne Stress-Leid und Schmerzen tötet. Ob ich selbst das nötige Geschick dazu hätte, wage ich zu bezweifeln. Nicht einmal von Aufzucht und naturnaher Haltung eierlegender Vögel verstehe ich etwas.

Wenn ich es also, zumal als Stadtbewohner, nicht selbst für meine tierischen Nahruingsmittel sorgen kann – wie wäre es mit „vegan now“?

Ich bin überzeugt davon, dass ich nicht am Stock ginge. Siehe oben: Wir sind Anpassungskünstler, auch als Individuen.
Auf der anderen Seite: Um dauerhaft so leben zu können, müsste ich mich schon auf ein paar Maßnahmen einlassen, nicht nur während der Umstellung. Von individueller Seite her wären Nahrungsergänzungsmittel unvermeidbar, denn die Stellungnahme eines veganen Sportlers zum Thema „Muskulatur“, die ich kürzlich las, ist gelinde gesagt bescheuert. Ein Rind, so der strikt herbivore Muskelmann, fresse schließlich auch nur Gras, um zu seinen eindrucksvollen Muskelbergen zu kommen. – Oh Herr, lass Hirn vom Himmel regnen. Oder ersatzweise Rindermägen. 😀

Mickies Mäuse

Abgesehen von der Muskulatur, bei der es nicht so sehr auf die optisch wahrnehmbare Masse ankommt, gibt es noch ein paar innere Strukturen, die auf bestimmte Proteine angewiesen sind, deren Grundbausteine unsere eingebaute Chemiefabrik (alias „Leber“) nicht selbständig basteln kann. Stichwort „essentielle Aminosäuren“. Erfreulicherweise können wohl alle auch über pflanzliche Nahrung aufgenommen werden. Sagt die deutschsprachige Wikipedia. Aber sie verrät nicht, wo genau die EA zu finden sind. Das Einfahren wird also nicht einfach, setzt eine Menge Biologie-Wissen voraus. Und Biologie alleine hilft nicht weiter, wenn es um eine Lebensweise geht, die neben Tierwelt und dem eigenen Organismus weiter reichende Verantwortungen ernst nimmt.
Keine Sorge, liebe Vegane, ich hebe nicht auf das üblichen Abwehr-Argument ab, laut dem „man das doch auch zu Ende denken muss”.

Ich denke vielmehr, es ist schon sehr viel gewonnen, wenn eure praktizierende Anhängerschaft wächst. Aber trotzdem liegt daneben, wer das vegane Leben als einfach und naturgegeben beschreibt.

In den folgenden Artikeln möchte ich ein paar Aspekte beleuchten, die für mich persönlich wichtig sind und bei denen ich mir auch zutraue, mitreden zu können. Hier eine kleine Auswahl:

  • Als das Wildkaninchen starb. Wie vegan ist der eigene Garten?
  • Heilige Kühe und miese Schutzheilige. Warum ich nichts von Peter Singer halte.
  • Nachgefragt beim Bio-Bauern: Was bedeutet artgerecht?

Und ein Jäger i.R. soll außerdem zu Wort kommen. Bis dahin freue ich mich über eure kritischen Kommentare und Themen-Anregungen. 🙂

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